Tag des Unkrauts: Warum Gärten zu lebensfeindlichen Wüsten für Insekten werden
Tag des Unkrauts: Gärten als Wüsten für Insekten

Tag des Unkrauts: Warum Gärten zu lebensfeindlichen Wüsten für Insekten werden

Bunte Schmetterlinge an den ersten Frühlingsblüten, Vogelgezwitscher am Morgen und dicke Hummelköniginnen auf Nestsuche: Das typische Frühlingsgefühl entsteht maßgeblich durch die kleinen Lebewesen um uns herum. Doch bei vielen Gärten bekommt man den Eindruck, die bunten Flatterlinge und Sangeskünstler seien dort unerwünscht. So bunt die Beete wirken mögen, sind sie für Lebewesen oft eine lebensfeindliche Wüste.

Das Problem mit gezüchteten Schmuckpflanzen

Gezüchtete Schmuckstauden und exotische Sträucher bieten oft kaum oder gar keine Nahrung für heimische Insekten, wie Bettina de la Chevallerie, Geschäftsführerin der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 (DGG 1822), erklärt. Wertvolle Futterpflanzen wie Löwenzahn, Klee, Brennnessel und Beifuß würden hingegen als „Unkraut“ vernichtet. De la Chevallerie fände es für ein Umdenken hilfreich, sie Wildblumen oder Begleitpflanzen zu nennen. „Auf jeden Fall gehört das Wort Unkraut gestrichen.“

Viele Tierarten seien für ihr Überleben auf bestimmte Pflanzen angewiesen - das abwertende Wort Unkraut lasse aber auf verzichtbare, für nichts wichtige Dinge schließen, sagt auch Margarita Hartlieb von der Universität Wien anlässlich des Tages des Unkrauts an diesem Samstag.

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Schmetterlinge brauchen mehr als hübsche Blumen

Schmetterlinge sind nicht plötzlich da, sie schlüpfen aus Puppen: festen Hüllen, in der sich die aus Eiern geschlüpften Raupen in einen Falter verwandeln. Die Puppen von Faltern kleben oft an Pflanzenstängeln. Wer Verblühtes im Herbst direkt entfernt und entsorgt, vernichtet die nächste Frühlingsgeneration. Auch Wildbienen und andere Insekten nutzen verdorrte Pflanzenstängel als Überwinterungsplatz.

Hortensien, Forsythien, Kirschlorbeer und etliche der einjährigen Blumen aus Bau- und Supermärkten haben eines gemein: Sie mögen hübsch aussehen, sind aber ökologisch völlig wertlos, weil sie kaum oder gar keinen Nektar und Pollen bieten. Bei den Massen solcher Blumen und exotischer Sträucher, die in vielen Gärten dominieren, bedeutet das für Insekten ein echtes Hungerproblem.

Wildpflanzen als Lebensgrundlage

Wildpflanzen wie Brennnesseln oder Klee wiederum werden in vielen Gärten an jeder Stelle ausgerissen. Falter wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Landkärtchen und Admiral legen ihre Eier aber gezielt an Brennnesseln ab, da die Raupen ausschließlich von deren Blättern leben – ohne das „Unkraut“ gäbe es die bunten Falter nicht.

Vögel brauchen naturnahe Gärten

Viele Menschen geben viel Geld für Winterfutter und schicke Vogelhäuschen aus - weitaus wichtiger ist allerdings Experten zufolge, wie der Garten gestaltet ist: „Wichtig für Singvögel ist, dass er naturnah und insektenfreundlich ist“, betont Sophie Lokatis, Natur- und Artenschutzexpertin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Manche Arten seien stetig, zahlreiche andere vor allem bei der Aufzucht der Küken auf Insekten als Nahrung angewiesen.

Akkurat gekürzter Rasen ist nicht naturnah - für viele Menschen aber nach wie vor das Schönheitsideal. Manche porkeln gar einzelne Löwenzahnwurzeln aus der streichholzkurz gestutzten Grasnarbe. Übrig bleibt blütenloses Grün, das kaum Nahrung bietet. „Solche Flächen sind fast tot“, sagt Lokatis. Und wo nichts krabbelt, fliegt auch nichts: „Zahl und Vielfalt der Singvögel sind in den vergangenen Jahrzehnten parallel zum Insektenschwund gesunken“, sagt Lokatis.

Igel leiden unter moderner Gartenpflege

Igel sind im Zuge der intensivierten Landwirtschaft weniger häufig auf dem Land, sondern vor allem noch in Siedlungsbereichen mit Gärten und Grünanlagen anzutreffen. Damit sie sich wohlfühlen, braucht es mehr als einen Laubhaufen im Winter. Wie viele Singvögel sind die Stachelträger zentral auf Insekten als Nahrung angewiesen.

Rasenmäher schaden Igeln gleich in zweifacher Hinsicht. Jede Mahd bedeutet den Tod für Insektenlarven, Raupen, Grashüpfer. „Nach einem Mähvorgang sind zum Beispiel etwa 80 Prozent der Heuschrecken tot“, sagt Hartlieb. Die Insekten werden zerschlagen oder verenden gefangen in den entsorgten Grashaufen.

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Neben dem Hungertod drohen den Igeln zudem tödliche Verletzungen, wenn Mähroboter zum Einsatz kommen. Steuert so ein Gerät auf einen Igel zu, macht der oft das, was ihm bei anderen Feinden hilft: zur Stachelkugel zusammenrollen und abwarten. Mit der Zahl der Roboter hat die Zahl verletzter Igel darum Experten zufolge stark zugenommen. „Die größte Bedrohung für den Igel ist der Mensch“, bilanziert die Wildtierstiftung.

Die Bedeutung von Privatgärten für die Biodiversität

Vielen Menschen ist sicherlich nicht annähernd bewusst, welchen Wert Privatgärten für Biodiversität und Klimaanpassung haben. Wer denkt, dass sein kleiner Garten ohnehin keinen Einfluss hat, sollte sich klarmachen, dass es nach Angaben des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) etwa 17 Millionen Privatgärten in Deutschland gibt - eine riesige Anzahl kleiner Lebensräume mit enormer Gesamtfläche.

Stünde auch nur in jedem fünften Garten eine Kornelkirsche statt einer Forsythie, würde das Nahrung statt ökologisch völlig wertloser Blüten für viele Millionen früh im Jahr fliegende Insekten bedeuten. Eine Wiese wiederum könne schon nach einem Monat ohne Mähen etwa die zehnfache Nektarmenge eines wöchentlich gemähten Rasens bieten, erklärt de la Chevallerie von der Gartenbau-Gesellschaft.

Auf einer natürlichen Blumenwiese von der Fläche eines Basketballfelds können etwa 60.000 Insekten leben, wie Grünflächen-Expertin Hartlieb sagt. 60.000 potenzielle kleine Häppchen für winzige Vogelbabys, beim Futtern lautstark schmatzende Igel und flinke Eidechsen.

Naturnahes Gärtnern spart Geld und schützt die Umwelt

Genau diese Chance bietet naturnahes Gärtnern. Mehr kaufen macht hier selten etwas besser, aber oft etwas schlechter. Rasendünger, exotisches Ziergehölz und die oft nur einjährigen, gezüchteten Hybridpflanzen kosten. Heimische Stauden hingegen lassen sich wunderbar teilen und an Nachbarn weitergeben, Wildsträucher oft über einfache Stecklinge vermehren.

Auch darauf, Geld für künstlichen Dünger und Pestizide auszugeben, kann und sollte man verzichten, wie Hartlieb betont. „Je nährstoffärmer, desto größer ist im Allgemeinen die Pflanzenvielfalt.“ Benzin für den Rasenmäher und Wasser lassen sich ebenfalls sparen: Heimische Arten kommen mit Trockenheit meist wesentlich besser zurecht als exotische und eine üppige Blumenwiese besser als kurzer Rasen.

„Wenn ein Rasen bei Hitze nicht jeden Tag gewässert wird, sieht er gelb und verbrannt aus“, sagt de la Chevallerie. „Eine Blumenwiese ist auch trocken noch sehr hübsch.“ An kaum einer Stelle ist es in der Summe so einfach, etwas für Artenvielfalt und Umwelt zu bewirken: Man muss nur weniger tun, um Gärten lebendiger zu machen.

Mit kleinen Schritten beginnen

Ein Garten mit Totholzecke, heimischen Stauden und einem Stück wilder Wiese bedeutet Rettung statt Verwahrlosung - doch viele Menschen zaudern beim Gedanken daran, was wohl das Umfeld zu mehr Wildwuchs sagen wird. Gartenexpertin de la Chevallerie rät Zögernden zu „Akzeptanzstreifen“: Wegen und Flächen in der Blumenwiese, die weiter relativ kurz gehalten werden.

„Man kann auch ganz klein beginnen, mit einer Blumeninsel“, sagt sie. „Jeder Quadratmeter zählt.“ Dort im Hochsommer vom Liegestuhl das bunte Treiben beobachten zu können, sei wunderbar. Mit Blick auf von Distelfaltern und Hummeln umschwärmte Natternköpfe zum Beispiel, auf Sandbienen an den Blüten einer Tauben-Skabiose oder einen Bläuling auf gelb strahlendem Hornklee.

Klar jedenfalls ist: Wer den Frühling liebt, weil dann das Leben so herrlich erwacht, sollte diesem Leben auch eine Chance geben.