Gefiederte Fischfresser leiden unter Kälte und Eis
Der harte Winter an der Ostseeküste hat deutliche Spuren bei den Kormoran-Populationen hinterlassen. Viele der gefiederten Fischfresser sind der Kälte und dem Eis zum Opfer gefallen, während Experten für die kommenden Jahre ein verändertes Zugverhalten prognostizieren. Die Tiere verfügen über einen entscheidenden Nachteil gegenüber anderen Wasservögeln: Sie fetten ihr Gefieder nicht gegen die Kälte ein, was sie besonders anfällig für kalte Wassertemperaturen macht.
Experte erwartet deutlichen Bestandseinbruch
Christof Herrmann, der für das Landesamt für Umwelt-, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern Vogelpopulationen beobachtet und die Beringungszentrale Hiddensee leitet, geht von einem signifikanten Rückgang der Brutbestände aus. „Ich gehe jetzt ganz stark davon aus, dass der Brutbestand im Ostseeraum in diesem Jahr genauso einen Einbruch haben wird wie nach dem kalten Winter 2010“, erklärt Herrmann. Damals sei der Bestand in Mecklenburg-Vorpommern um etwa 25 Prozent eingebrochen.
Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern im gesamten südwestlichen Ostseeraum – einschließlich Schleswig-Holstein, Dänemark und Südschweden – rechnen Experten mit Bestandsrückgängen. Besonders in den kommenden Wintern könnten Kormorane in diesen Regionen deutlich seltener anzutreffen sein.
Verändertes Zugverhalten für Jahre erwartet
Die Vögel lernen aus extremen Wintererfahrungen und passen ihr Verhalten an. „Wir gehen davon aus, dass die Vögel durchaus von so einem harten Winter, wie wir ihn jetzt hier hatten, lernen und in den nächsten Wintern nur noch in deutlich geringerer Zahl im Ostseeraum bleiben zum Überwintern“, so Herrmann. Januar-Wintervogelzählungen aus der Vergangenheit legen dieses Muster nahe.
Nach dem kalten Winter 2009/2010 blieben im Winter 2011 fast gar keine Kormorane mehr in Mecklenburg-Vorpommern. Es dauerte Jahre, bis der Winter-Rastbestand wieder das vorherige Niveau erreichte. Interessanterweise erholte sich der Brutbestand viel schneller, was darauf hindeutet, dass die Tiere verstärkt in südlichere Regionen abwanderten. So tauchten 2011 zwei beringte Kormorane aus der Region im Winter in Tunesien auf – ein Zugverhalten, das zuvor lange nicht mehr beobachtet worden war.
Kälteschutz-Mechanismus fehlt
Kormorane sind besonders sensibel für kaltes Wasser, da ihnen ein wichtiger Schutzmechanismus fehlt. Anders als andere Wasservögel fetten sie ihr Gefieder nicht ein, um sich vor Kälte zu schützen. „Wenn sie zu lange im Wasser nach Nahrung tauchen müssen, dann verlieren sie zu viel Wärme, zu viel Energie“, erklärt Herrmann. Die Vögel sind darauf angewiesen, möglichst effizient Beute zu machen, weshalb sie im Winter gezielt größere Fische fressen.
Der Winter setzte den Kormoranen auf unterschiedliche Weise zu:
- Durch Eisbildung konnten sie vielerorts nicht mehr an ihre Fischbeute gelangen
- Selbst in eisfreien Gebieten verendeten Tiere aufgrund der Kälte
- Die Vögel benötigen eine hohe Fischdichte, um im kalten Wasser überleben zu können
Konkrete Auswirkungen sichtbar
Aktuell sind genaue Zahlen zu verendeten Kormoranen schwer zu ermitteln, doch Ringfunddaten werden mit Verzögerung eine erhöhte Sterblichkeit in diesem Winter belegen. Ein Teil der Vögel wanderte jedoch während der Kälteperiode ab. Auf der kleinen Insel Greifswalder Oie östlich des Greifswalder Boddens wurden zu Beginn der Kälteperiode etwa 3.000 Kormorane gezählt – am Ende waren es nur noch 700. Auch dort wurden tote Tiere gefunden.
Langfristige Perspektiven und Fischbestände
Aussterben wird der Kormoran an der Ostsee nicht. Laut dem Kormoran-Bericht Mecklenburg-Vorpommern von 2024 war der Bestand im südwestlichen Ostseeraum – abgesehen vom Einbruch nach 2010 – weitgehend konstant. Für 2025 geht Herrmann von etwa 46.000 Brutpaaren im südwestlichen Ostseeraum aus. Nach seiner Einschätzung wird sich der Bestand nach den Verlusten dieses Winters in drei bis fünf Jahren wieder erholen.
Die Auswirkungen auf Fischbestände sind komplex. Einfache Hochrechnungen funktionieren nicht, da Fischpopulationen bestimmte Verluste kompensieren können. Für Fischteiche oder Netzkäfige lassen sich die Verluste durch Kormorane zwar ermitteln, doch besonders attraktive Gebiete wie Fischteichanlagen werden von den Vögeln auch bei niedrigerem Bestand stark frequentiert.
Herrmann rechnet mit einem Effekt auf das Rastgeschehen an der Ostseeküste für fünf bis sechs Jahre. Eigentlich blieben Kormorane zunehmend im Norden oder zögen nicht mehr so weit wie in der Vergangenheit, da strenge Winter seltener geworden waren. „In den letzten fünf Jahren machten die Vögel, die innerhalb von 500 Kilometern geblieben sind, laut Beringungsdaten 60 Prozent aus. In den 1930er Jahren betrug die kürzeste Entfernung 915 Kilometer“, verdeutlicht Herrmann den Wandel im Zugverhalten.



