Schweriner OB-Kandidatin Aileen Wosniak: Tierschutz als politischer Antrieb
Ein kurzer Moment der Befreiung auf dem Schweriner Marktplatz: Der Deckel einer Transportbox klappt auf, eine Taube mit dem Namen Hugo erhebt sich in die Luft, zieht über die Dächer der Landeshauptstadt und verschwindet im Schwarm. Rund sechs Wochen wurde das Tier wegen eines massiven Parasitenbefalls behandelt. Jetzt kehrt es in die Freiheit zurück. Dr. Aileen Wosniak schaut dem Vogel nach, stellt die Box beiseite. Für die 42-Jährige gehört solches Engagement zum Alltag – und es zeigt zugleich, was sie politisch antreibt.
Kandidatur mit klarer Botschaft
Aileen Wosniak kandidiert für die Aktionsgruppe Stadt- und Kulturschutz (ASK) bei der Oberbürgermeisterwahl am 12. April in Schwerin. Unterstützung erhält sie unter anderem von der Piratenpartei Westmecklenburg, die in ihr eine Politikerin sieht, die Probleme konkret angeht. Wosniak selbst formuliert ihre Motivation unmissverständlich: „Ich kandidiere nicht, um Schlagworte zu sammeln. Ich kandidiere, um Probleme zu lösen.“ Die Taube Hugo, die sie nach Genesung wieder in die Freiheit entlässt, steht symbolisch für ihren Einsatz.
Prägende Erfahrungen aus Kindheit und Beruf
Wosniak wuchs auf dem Großen Dreesch in Schwerin auf. Früh erlebte sie Situationen, die sie nachhaltig prägten. „Bei mir im Haus hat sich jemand erhängt“, berichtet sie offen. Die Familie zog daraufhin nach Plate. Doch auch dort begegneten ihr Bilder, die sie nicht vergessen konnte: verwahrloste Ponys auf einem Feld, ein Hund mit einem riesigen Tumor, der unbeachtet herumlief. Es folgten Jahre in Freiburg, Berlin, Hamburg und Chemnitz, wo sie studierte, arbeitete und sich politisch engagierte.
Als psychologische Psychotherapeutin erlebt sie täglich die Herausforderungen des Gesundheitssystems. Viele Patienten kämen erst, wenn sie längst aus ihrem Alltag herausgefallen seien, mit fünf oder sechs Diagnosen und ohne Struktur. Diese Erfahrungen verstärken ihren Wunsch nach strukturellen Veränderungen. Parallel studiert sie derzeit Jura mit Schwerpunkt auf Tier- und Umweltrecht. „Dafür brenne ich, da will ich mich beruflich hin orientieren“, erklärt die Kandidatin.
Tierschutz als roter Faden
Was sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht, ist das Engagement im Tierschutz. Aus den Kindheitseindrücken wurde mit den Jahren ein Schwerpunkt. Sie arbeitete in Tierheimen, eignete sich Fachwissen an und organisierte Hilfe. „Ich konnte irgendwann nicht mehr weggucken“, sagt sie. Nach ihrer Rückkehr nach Schwerin fiel ihr auf, dass im Umgang mit Fundtieren und Streunern klare Strukturen fehlten. „In großen Städten weißt du sofort, wo du mit einem Tier hin musst.“ Also begann sie, selbst aktiv zu werden: Sie vernetzte Menschen, baute Kontakte auf und organisierte Hilfe. Aus diesem Engagement entstand schließlich der Verein „Tiere in Not Schwerin & Umgebung“.
Politische Ziele: Beteiligung und struktureller Wandel
Aus ihren beruflichen und ehrenamtlichen Erfahrungen leitet Wosniak ihre politischen Ziele ab:
- Mehr Beteiligung: Besonders Kinder und Jugendliche sollen stärker in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
- Queerfeministische Arbeit: Sie engagiert sich in diesem Bereich der ASK, organisiert Aktionen und Demonstrationen für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum.
- Soziale Wohnungspolitik: Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum stehen auf ihrer Agenda.
- Klare Regelungen: Strukturierter Tier- und Umweltschutz mit verbindlichen Vorgaben.
Ihre Kritik am System formuliert sie deutlich: „Ehrenamt ist kein Lückenbüßer für staatliches Wegsehen.“ Sie nimmt dafür bewusst Gegenwind in Kauf, auch wenn sie mit Themen wie Rassismus, Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Spannungen aneckt.
Sportlicher Ausgleich und persönlicher Hintergrund
Seit ihrem fünften Lebensjahr ist Wosniak sportlich aktiv. Aus einer Fußballerfamilie stammend, spielte sie leistungsorientiert und wurde Schiedsrichterin. Doch der permanente Druck nahm ihr mit der Zeit die Freude. „Wenn du jeden Tag trainierst und jedes Wochenende unterwegs bist, hast du irgendwann keinen Bock mehr.“ Heute findet sie Ausgleich im Drachenbootsport, der ihr die nötige Balance zwischen politischem Engagement und Privatleben ermöglicht.
Ihr Werdegang zeigt eine Frau, die sich nicht scheut, unbequeme Themen anzusprechen und für ihre Überzeugungen einzustehen. Ob mit der Befreiung der Taube Hugo oder in der Diskussion um strukturelle Reformen – Aileen Wosniak bringt Erfahrungen aus anderen Städten mit und den Anspruch, Dinge in Schwerin anders anzugehen. Die Oberbürgermeisterwahl wird zeigen, ob die Wählerinnen und Wähler diesen Weg mitgehen wollen.



