Letzter Rettungsversuch für gestrandeten Buckelwal in der Ostsee
Seit Tagen hallen die dumpfen Schnaufgeräusche des gestrandeten Buckelwals über die Ostsee. In der Nacht zu Montag blieb das imposante Tier auf einer Sandbank vor dem Urlaubsort Niendorf liegen und kämpft seitdem um sein Leben. Unzählige Helfer sind im Einsatz, doch die Zeit drängt. Doch wie kam der Wal überhaupt in die Ostsee und warum kann er sich nicht selbst befreien?
Wie der Buckelwal in die Ostsee gelangte
Greenpeace-Meeresexpertin Daniela von Schaper erklärt: „Buckelwale durchqueren die Weltmeere zwischen tropischen Gebieten, in denen sie ihre Jungen aufziehen, und kalten, nährstoffreichen Regionen nahe der Pole. Auf diesen langen Wanderungen können sie sich verirren – und gelangen so auch in Randmeere wie die Ostsee.“ Die Ostsee ist jedoch nicht sein natürlicher Lebensraum, was die Situation verschärft.
Warum der Wal ins Flachwasser schwamm
Meeresbiologin Tamara Narganes Homfeldt von der Whales & Dolphin Conservation (WDC) erläutert: „Flache Gewässer sind ein relativ sicherer Ort, ohne natürliche Feinde. Es war die letzten Tage offensichtlich, dass sich der Buckelwal in einem schlechten Gesundheitszustand befindet. Deshalb kann man annehmen, dass er im seichten Gewässer Schutz suchte und sich zurückziehen wollte.“ Möglicherweise war er auch erschöpft, da er sich in Fischernetzen verheddert hatte. Homfeldt fügt hinzu: „Die Verstrickung in den Fischereileinen wird dazu beigetragen haben, dass seine Bewegung eingeschränkt ist und er zusätzliches Gewicht mit sich trägt. Möglicherweise wurde er durch die Verstrickung auch daran gehindert zu jagen. All das kostet den Wal enorm viel Kraft und zehrt an seinen Energieressourcen, was zur Schwächung des gesamten Organismus beiträgt.“
Gefahren der Ostsee für den Wal
Die Ostsee ist für ein solches Tier zu flach, zu salzarm und bietet zu wenig Nahrung. Greenpeace-Expertin von Schaper erläutert: „Gerät ein Wal in solche Bedingungen, kann er schnell geschwächt werden. Orientierungslosigkeit, Erschöpfung oder Krankheit können dann dazu führen, dass er – wie jetzt vor Niendorf – auf einer Sandbank strandet.“ Im Gegensatz zu anderen Walen nutzen Buckelwale kein Sonar zum Navigieren, sondern ihren Sehsinn und das Gespür für Strömungen. „In den sehr flachen Küstenbereichen ist eine Orientierung für die Tiere in jedem Fall sehr schwierig.“
Warum sich der Wal nicht selbst befreien kann
Von Schaper erklärt: „Buckelwale sind Großwale und sehr schwer. Das Tier vor Niendorf soll 12 bis 15 Meter lang sein und mehrere Tonnen wiegen. Ohne Wasser drückt sein Gewicht ihn immer mehr auf den Sand.“ Gezeiten wie in der Nordsee wären ein zweischneidiges Schwert gewesen. Vielleicht hätte die Flut den Wal ins Meer geschwemmt. Aber: „Gleichzeitig würde eine Ebbe dazu führen, dass der Wal vollständig trockenfällt, was ihm noch viel mehr zum Verhängnis werden kann.“ Auch sammeln sich durch die Liegezeit Giftstoffe im Körper an. WDC-Expertin Homfeldt ergänzt: „Es befindet sich zu wenig Wasser zwischen dem Untergrund und dem Wal, als dass ein Auftrieb ihm ermöglichen könnte, sich selbst durch Flukenschläge aus der Situation zu befreien.“
Warum der Wal zurück auf die Sandbank schwamm
Die Greenpeace-Expertin vermutet: „Womöglich war er erschöpft, musste sich weiter ausruhen und war noch nicht bereit, wieder ins Meer zu schwimmen. Oder der Weg, der frei geworden ist, hat nicht ausgereicht.“
Kann der Wal verhungern?
Es sieht derzeit nicht danach aus. Meeresbiologe Robert Marc Lehmann, der das Tier aus der Nähe begutachten konnte, sagt: „Der ist dick, der ist nicht abgemagert.“ Allerdings fehlt dem Tier natürlich die Nahrung, mit der es auch Flüssigkeit aufnimmt. Die Tiere ernähren sich laut der Whales & Dolphin Conservation von Plankton, kleinen Krustentieren und Schwarmfischen. Sie nehmen das Essen mit dem Wasser auf, filtern dieses heraus und fressen – bis zu 1300 Kilogramm am Tag. Wie lange der gestrandete Buckelwal durchhält, ist schwer zu sagen. Daniela von Schaper: „Noch bewegt er sich und gibt Laute von sich.“ Das Schnaufen ist übrigens zu hören, wenn Wale durch ihr Blasloch ausatmen.
Überlebenschancen des Wals
Meeresbiologin Tamara Narganes Homfeldt betont: „Wenn es gesundheitliche Gründe hat, wieso ein Wal strandet, sind die Chancen, dass er überlebt, extrem gering.“ Selbst, wenn der Rettungsversuch gelingt. „Er könnte erneut stranden oder auch aufgrund seines Erschöpfungszustandes sterben. Deshalb ist es wichtig, das Gesamtbild im Blick zu behalten und ganz genau abzuwägen, ob das Individuum realistische Überlebenschancen hat.“



