Pseudowut-Alarm in Mecklenburg-Vorpommern: Jägerin verliert zwei Hunde an tödliche Tierseuche
Die sogenannte Aujeszky-Krankheit, besser bekannt als Pseudowut, sorgt aktuell für erhebliche Besorgnis in Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur Jäger, sondern auch Waldspaziergänger und Tierhalter in Waldnähe sind alarmiert. Diese gefährliche Viruserkrankung betrifft primär Wild- und Hausschweine, doch besonders Jagdhunde und frei laufende Hunde im Wald können sich leicht infizieren – stets mit grausamem Krankheitsverlauf und tödlichem Ausgang.
Schweine als lebenslange Virusträger
Veterinär Dr. Olav Henschel vom Landkreis Ludwigslust-Parchim, der den Fachdienst Veterinär- und Lebensmittelüberwachung verantwortet, erklärt die Hintergründe: „Die Aujeszky-Krankheit wird von einem Herpesvirus ausgelöst, das im Schwarzwildbestand zirkuliert. Ähnlich wie beim Humanherpesvirus schlummert das Virus oft und das Tier bleibt lebenslang infiziert.“ In Mecklenburg-Vorpommern geht man davon aus, dass etwa 10 bis 20 Prozent des Wildschweinbestandes das Virus in sich tragen.
Bei Stresssituationen wie während der Rausche, bei Bejagung oder Futtermangel kann das Virus aktiv werden und infektiös werden. „Bei Schweinen sind die Symptome relativ dezent, bei Wildschweinen sieht man häufig gar keine“, so Henschel. Ganz anders verhält es sich bei Hunden und anderen Haustieren, bei denen die Erkrankung dramatisch verläuft.
Tragischer Doppelverlust einer Jägerin
Die Pseudowut rückte aktuell durch einen besonders tragischen Fall wieder in den Fokus: Anja Blank, Geschäftsführerin des Landesjagdverbands Mecklenburg-Vorpommern, verlor innerhalb weniger Tage gleich zwei ihrer Jagdhunde an der tückischen Krankheit.
„Bei meiner Hündin Finte begann es mit leichtem Kopfkratzen“, berichtet Anja Blank emotional. „Über Nacht verschlimmerte es sich so dramatisch, dass sie sich das Gesicht blutig kratzte. Der Verlauf war brutal schnell – kaum 24 Stunden später war sie tot.“
Ihr zweiter Hund Dorn zeigte kurz darauf ebenfalls Symptome, allerdings völlig andere: „Er begann plötzlich zu erbrechen, bekam Durchfall und litt unter massiven Schmerzen.“ Die Tierärztinnen konnten zwar eine Schilddrüsenentzündung diagnostizieren, „aber es war bereits zu spät. Wir mussten ihn einschläfern lassen – das war der schlimmste Hundetod, den ich je erleben musste.“
Infektionswege und alarmierende Symptome
Das Virus wird hauptsächlich durch Kontakt mit infizierten Wildschweinen oder deren Überresten übertragen – über Speichel, Augensekrete oder Blut. Henschel warnt eindringlich: „Hunde können sich infizieren, wenn sie solche Sekrete aufnehmen.“ In der Jagdpraxis oder beim Waldspaziergang mit freilaufendem Hund reiche bereits das Trinken aus Suhlen oder der Kontakt mit Kot, Sekreten, Innereien oder Blut.
„Das Hauptsymptom bei Hunden ist entsetzlicher Juckreiz“, beschreibt Henschel das Krankheitsbild. „Er ist so qualvoll, dass sich die Tiere das Fell buchstäblich von den Knochen kratzen. Letztendlich sterben sie jedoch nicht am Juckreiz, sondern an zentralnervösen Störungen und Muskel-Lähmungen.“ Grundsätzlich können sich fast alle Tiere mit dem Virus infizieren, für Menschen ist es glücklicherweise ungefährlich.
Experten warnen vor unterschätzter Gefahr
Henschel berichtet, dass im Kreis Ludwigslust-Parchim seit Herbst innerhalb kurzer Zeit mehrere Fälle infizierter Hunde aufgetreten seien. In ganz Mecklenburg-Vorpommern sind offiziell, Stand Februar 2026, „nur“ fünf Fälle der Aujeszkyschen Krankheit dokumentiert. Die Dunkelziffer, warnt Henschel, sei jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich höher. „Es werden keine Hunderte Hunde daran sterben“, relativiert er, „aber dass es wirklich nur fünf Fälle in MV gibt, das bezweifle ich stark.“
Infolge von Anja Blanks tragischem Verlust haben mehrere Tierkliniken, der Landesjagdverband und das Friedrich-Loeffler-Institut Warnungen für die Jägerschaft und Waldspaziergänger mit Hunden ausgesprochen. „Wir müssen uns bewusst sein“, appelliert Henschel an die allgemeine Vorsicht, „dass sich das Risiko nicht geändert hat, nur weil jetzt Fälle bei Hunden bemerkt wurden. Die Viruslast ist generell gegeben und erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit.“
Monitoring und Impfstoff-Dilemma
Dr. Leonore Lange, Fachdienstleiterin Veterinärwesen des Landkreises Vorpommern-Rügen, informiert: „In MV erfolgt derzeit keine routinemäßige Untersuchung von Schwarzwild.“ Im Landkreis wurden vereinzelt Fälle beim Schwarzwild festgestellt, meist jedoch nur dann, wenn entsprechende Blutproben in anderen Bundesländern wie Niedersachsen untersucht worden sind.
Henschel präzisiert: „Seit November haben wir 398 Proben untersucht – 71 davon waren positiv. Das entspricht 17,8 Prozent.“ Die Sinnhaftigkeit eines landesweiten Monitorings ist unter Experten umstritten, da es lediglich bestätigen würde, was bereits bekannt ist: dass die Krankheit im Schwarzwildbestand existiert.
Für Hausschweine existiert zwar ein Impfstoff, doch dessen Anwendung ist in Deutschland verboten. Der Grund: Deutschland gilt seit 2003 offiziell als Aujeszky-frei. Impfungen könnten diesen Status gefährden und den internationalen Handel mit Schweinefleisch beeinträchtigen.
Ein Impfstoff für Hunde und andere Haustiere existiert aktuell noch nicht, wie Dr. Kirsten Thorstensen, Tierärztin bei der Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH, mitteilt. „Hunde haben in bisherigen Studien nicht zuverlässig Antikörper entwickelt, also keinen zuverlässigen Schutz gegen die Infektion“, erklärt sie. „Das Risiko wäre trotz Impfung nicht gebannt.“ Daher habe die Entwicklung eines Impfstoffs aktuell keine Priorität.
Anja Blank hofft dennoch auf intensivierte Forschungen: „Es ist ein globales Problem, wie wir aus Berichten aus Frankreich und anderen Bundesländern wissen. Ein Impfstoff könnte unsere Arbeit als Jäger sicherer machen, und wir wären auch bereit, dafür zu zahlen.“
Prävention als einziger Schutz
„Ein völliger Schutz vor der Krankheit wird nicht möglich sein“, ist Henschel überzeugt. Jäger und Hundehalter können aktuell nur präventiv handeln. Die Botschaft der Experten ist eindeutig: Hundehalter, insbesondere im jagdlichen Bereich, sollten wachsam bleiben und die Handlungsempfehlungen des Verbandes beachten. Spaziergänger sollten ihre Tiere im Wald anleinen. Das Risiko einer Infektion mit der Pseudowut darf keinesfalls unterschätzt werden, betonen die Fachleute eindringlich.



