Wolf verändert Rotwild-Verhalten: Großrudel verursachen massive Schäden in Mecklenburg
Die Rückkehr des Wolfes nach Mecklenburg hat tiefgreifende Folgen für die Rotwild-Hegegemeinschaft Bützow. Die Tiere verändern ihr Verhalten grundlegend, um sich vor dem Räuber zu schützen, was zu erheblichen Problemen für Landwirtschaft und Forstwirtschaft führt.
Rotwildbestand verdoppelt sich in sechs Jahren
Ein Blick auf die eigens aufgebaute Trophäenwand im Kulturhaus Warnow verdeutlichte eindrucksvoll, dass der Rotwildbestand bei Bützow enorm gewachsen ist. Die Rotwild-Hegegemeinschaft zog Bilanz für das Jagdjahr 2025/2026. Hegeringsvorsitzender Hermann von Blomberg legte anhand der Jahresstatistik dar, dass sich in den zurückliegenden sechs Jahren der Rotwildbestand im rund 48.000 Hektar großen Einzugsbereich der Hegegemeinschaft verdoppelt hat.
Das Rotwild konzentriert sich besonders im Nordbereich der Hegegemeinschaft, südlich der A20 in der Region Jürgenshagen, Moisall, Bernitt bis nach Hohen Luckow und Groß Belitz. „Hier wurden allein 225 Stück Rotwild erlegt, im Hegering Baumgarten 76. Insgesamt in der Hegegemeinschaft 327“, so Hermann von Blomberg. Die Konsequenz des rasanten Rotwildzuwachses sind deutlich gestiegene Wildschäden auf Feldern und in Wäldern.
Massive Schäden für Landwirtschaft
Einer von vielen Betroffenen ist Axel Wichmann aus Selow. Der Landwirt, Betriebsleiter der Agrargenossenschaft Selow und Jäger erklärt: „Unser Landwirtschaftsbetrieb deckt ein großes Gebiet ab, wo auch das Rotwild zu Hause ist. Bei uns ist sogar die Kinderstube des Rotwilds, weil das Gebiet geschützt und ruhig ist, wo es die Hirsche zur Brunft hinzieht.“
Wichmann baut Kartoffeln, Mais, Futter- und Zuckerrüben an: „Bei uns findet das Rotwild immer etwas. Daher sind sie auch da, in großen Rudeln.“ Von den jährlichen Schäden für seinen Betrieb will er gar nicht erst reden. Von Blomberg beziffert die Wildschäden der Landwirte in der Region auf zehn- bis zwanzigtausend Euro pro Jahr: „Und die sind schnell gemacht im Feld. Erst recht, wenn das Rotwild in großen Rudeln in die Felder und in die Wälder zieht.“
Wolf als Ursache für Großrudelbildung
Die Großrudelbildung hat sich durch das Auftauchen des Wolfes deutlich verstärkt. „Und genauso, wie ein großes, dichtgedrängtes Rudel dem Wolf das Jagen erschwert, so erschwert es auch dem Jäger das gezielte Entnehmen einzelner, jagdbarer Tiere“, erklärt der Vorsitzende weiter. Diese instinktive Schutzreaktion des Rotwildes erschwert somit die reguläre Bejagung erheblich.
Reduktionsabschuss als Lösung?
Um die Wildschäden zu minimieren und der großen Rudelzahl Herr zu werden, forderte von Blomberg einen Reduktionsabschuss, der sich auf das weibliche Rotwild konzentriert. Seine Erklärung: „Wenn wir 2026 100 Hirsche haben, haben wir 2027 immer noch 100 Hirsche. Haben wir aber 2026 100 Alttiere weibliches Rotwild mit Kälbern, dann haben wir 2027 200 Alttiere plus Kälber. Deshalb kann nur ein Eingriff in den weiblichen Rotwildbestand den Gesamtbestand reduzieren.“
Dies stellt jedoch ein schwieriges Unterfangen für die Jäger dar, da der Mutterschutz bei Alttieren und Kälbern berücksichtigt werden muss. Die ethische und praktische Herausforderung dieser Maßnahme ist beträchtlich.
Moderne Technik zur Rettung von Jungtieren
Frisch gesetzte Kälber in Wiesen und Feldern waren schon immer ein Problem für Landwirte bei der Mahd. Inzwischen hat sich bei vielen Landwirten die Drohne fest etabliert. Vor dem Einsatz der Mähmaschinen werden Wiesen oder Felder systematisch abgeflogen. Der Vorsitzende der Hegegemeinschaft berichtete, dass im vergangenen Jahr beispielsweise durch Ulrich Constien vom Landwirtschaftsbetrieb Klein Sein und seine Drohneneinsätze 25 Rehkitze und vier Rotwildkälber vor dem Mähtod bewahrt werden konnten.
Personalwechsel in der Hegegemeinschaft
Nach seinem Jahresbericht kam auf Hermann von Blomberg noch eine emotionale Aufgabe zu: Die Verabschiedung von zwei langjährigen Vorstandsmitgliedern. Jens Schröder hatte acht Jahre lang im Vorstand mitgearbeitet, davon in den vergangenen Jahren als Kassenwart. Reinhard Dellin kam bereits vor 33 Jahren - bei der Gründung der Hegegemeinschaft - in den Vorstand. „Er hat in dieser Zeit alles im Vorstand gemacht und ist eigentlich nicht aus ihm wegzudenken“, so von Blomberg. Die beiden Lücken wurden bei der Neuwahl durch Bärbel Knobloch und Matthias Gaude gefüllt.
Die Jagdhornbläsergruppe Steintanz-Warnowtal rundete das Hegeringtreffen traditionell ab und sorgte für die passende musikalische Untermalung der Veranstaltung.



