Nach Wolfsangriff in Hamburg: Experten streiten über Schicksal des Tieres
Nachdem ein Wolf in Hamburg eine Frau verletzt hat, ist das weitere Schicksal des Tieres noch unklar. Es handelt sich um den ersten dokumentierten Fall einer Verletzung eines Menschen durch einen Wolf seit der Rückkehr der Art nach Deutschland. Die Diskussion unter Fachleuten ist intensiv und polarisiert zwischen den Optionen der Tötung, Freilassung oder Unterbringung in einem Gehege.
Argumente für eine Tötung des Wolfs
Der Journalist, Jäger und Wolfsexperte Eckhard Fuhr äußerte sich im Interview mit dem Fernsehsender RTL deutlich für eine Tötung des Tieres. „Ein dauerndes Leben in Gefangenschaft in einem Tierpark kann man diesem Wolf nicht zumuten“, erklärte er. Fuhr hält auch eine Freilassung für problematisch und sieht unter dem Gesichtspunkt des Tierwohls sowie der öffentlichen Sicherheit nur eine vertretbare Lösung: „Es wäre die vernünftigste Lösung, den Wolf zu töten.“
Plädoyer für eine kontrollierte Freilassung
Wolfexperte Norman Stier von der Technischen Universität Dresden spricht sich hingegen für eine Freilassung aus. „Einer Freilassung steht aus meiner Sicht nichts entgegen, wenn es kontrolliert mit einem Senderhalsband erfolgt“, so Stier. Durch den Sender könne das Tier jederzeit lokalisiert, negativ konditioniert und im Notfall auch getötet werden. Auch Arne Vaubel, Geschäftsführer des Wildparks Schwarze Berge, plädiert für die Freiheit des Wolfs. Er geht davon aus, dass der Wolf die Frau nicht absichtlich angriff, sondern aus Panik handelte. „Der Wolf war wahrscheinlich in Panik und wollte nur raus“, sagte Vaubel.
Weitere Expertenstimmen zur Freilassung
Tanja Askani, die seit drei Jahrzehnten Wölfe im Wildpark Lüneburger Heide betreut, unterstützt diese Einschätzung. Sie betont, dass sich das Hamburger Tier in der Stadt verlaufen habe und in einer Stresssituation gewesen sei: „Das Tier wollte nur weg, es hat sich nicht unnormal verhalten.“ Es gebe daher keinen Grund, es in Gefangenschaft zu halten. Diese Position wird von weiteren Wolfsexperten geteilt, die den Vorfall als Ausnahme bewerten.
Problematik der Unterbringung in einem Gehege
Die Möglichkeit, den Wolf in einem Gehege unterzubringen, wird von Fachleuten kritisch gesehen. Norman Stier von der TU Dresden verweist auf negative Erfahrungen aus der Vergangenheit: „Da gibt es Erfahrungen von Hybridfängen aus der Anfangs-Wolfswiederbesiedlung aus der Lausitz, die auch in sehr großen Gehegen trotzdem qualvoll zugrunde gegangen sind.“ Eine tierschutzkonforme Unterbringung von in Freiheit aufgewachsenen Wölfen sei weder sinnvoll noch möglich, außer bei kleinen Welpen. Kenny Kenner, ehrenamtlicher Wolfsberater im Landkreis Lüchow-Dannenberg, hofft ebenfalls, dass das Tier nicht dauerhaft in ein Gehege kommt.
Hintergründe des Wolfsangriffs
Die genauen Umstände des Vorfalls in Hamburg sind noch unklar. Experten wie Klaus Hackländer von der Deutschen Wildtierstiftung vermuten, dass sich der mutmaßlich junge Wolf in die Stadt verirrt habe und dort in Panik geriet. „In der Stadt gibt es so viele Eindrücke, die ihn stressen – der Verkehr, die Lichter, der Lärm und so weiter“, mutmaßt Hackländer. In einer solchen Situation könne der Wolf im Affekt angreifen, obwohl der Mensch nicht zu seinem Beuteschema gehöre, insbesondere nicht der erwachsene Mensch.
Statistik und rechtlicher Rahmen
Das Bundesamt für Naturschutz bestätigt, dass es sich um den ersten Fall einer Verletzung durch einen Wolf seit der Etablierung der Art im Jahr 1998 handelt. „Seit der Rückkehr der Art nach Deutschland wurde kein Mensch durch einen Wolf verletzt“, betont die Behörde. Gleichzeitig hat die Bundesregierung kürzlich neue Regeln beschlossen, die das Abschießen von Wölfen erleichtern. Der Bundesrat stimmte der Aufnahme des Wolfs als jagdbare Tierart in das Bundesjagdgesetz zu. Dies ermöglicht den Ländern, die Jagd in Regionen zu erlauben, wo der Wolf in einem günstigen Erhaltungszustand ist, mit einer Jagdzeit von Juli bis Oktober.
Historischer Kontext und aktuelle Situation
Der Wolf galt in Deutschland rund 150 Jahre lang als ausgerottet. Nach dem Mauerfall kehrten erste Tiere über Polen zurück, Anfang der 1990er Jahre wurden sie in Brandenburg entdeckt. Im Jahr 2000 bekamen Wölfe in Sachsen Nachwuchs, und seitdem werden immer mehr dieser scheuen Raubtiere gesichtet. Heute sind Wölfe in zahlreichen Bundesländern heimisch. Naturschützer bewerten ihre Rückkehr als Erfolg des Artenschutzes und betonen, dass Menschen vor den scheuen Tieren keine Angst haben müssen.



