Ukrainischer Journalist enthüllt Umweltverbrechen und fürchtet um sein Leben
Vor vier Jahren marschierte Russland in die Ukraine ein. Während der Angriffskrieg täglich Bilder der Zerstörung von Menschen und Infrastruktur liefert, führt Russland hinter den Kulissen einen weiteren Krieg gegen seine Kritiker. Ein prominentes Opfer dieser Kampagne ist der ukrainische Journalist und Ökologe Vladyslav Myroslavovych Balinsky aus Odessa.
Vom Naturschützer zum Ziel russischer Justiz
Eigentlich würde Balinsky lieber seiner geregelten Arbeit im Nationalpark Tuzlovsky-Ästuare nachgehen. Dieses 2010 gegründete Naturschutzgebiet im Gebiet des Bezirks Bilhorod-Dnjestr der Region Odessa umfasst das Mündungsgebiet des Dnjestr, der nach mehr als 1300 Kilometern aus den Karpaten ins Schwarze Meer fließt. Doch seit über zehn Jahren engagiert sich der Familienvater für die Freiheitsrechte der Ukraine im Kampf gegen Russland – ein Engagement, das mit dem militärischen Einmarsch am 24. Februar 2022 eskalierte.
Das Nationale Ökologische Zentrum der Ukraine warnt in einer offiziellen Stellungnahme, dass das Leben des ukrainischen Journalisten, Ökologen und Vertreters der Zivilgesellschaft real und unmittelbar bedroht ist. Nach jahrelangen Anfeindungen und Drohungen auf russischen Telegram-Kanälen ermittelt die russische Justiz seit vergangenem Jahr offiziell gegen Balinsky.
Dokumentation von Umweltverbrechen als Auslöser
Der Auslöser für die Verfolgung waren Balinskys unabhängige Recherchen zu den Auseinandersetzungen zwischen proukrainischen und prorussischen Kräften am 2. Mai 2014 in Odessa, bei denen 48 Menschen ums Leben kamen. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine dokumentierte er etliche Fälle von Ökozid – der massiven Umweltzerstörung durch den Angriffskrieg.
Balinsky und seine Kollegen setzen auf Satellitenüberwachung, um Treibstoffölfahnen beschädigter und gesunkener russischer Schiffe im Schwarzen Meer nachzuweisen. Besonders gravierend dokumentierte er die Folgen der Explosion des Wasserkraftwerkes Kachowka für Flora und Fauna. Im Juni 2023 war der Staudamm nach der Besetzung durch russische Truppen gesprengt worden, was zu massiven Überschwemmungen und Umweltschäden führte.
Wichtiger Zeuge für internationale Gerichte
Der Ökologe untersuchte zudem:
- Das Massensterben von Walen und Delfinen im Schwarzen Meer
- Die Verschmutzung der Meeresumwelt durch Unfälle zweier russischer Tanker in der Straße von Kertsch
- Die Zerstörung von Habitaten durch russische Militärübungen
Balinsky ist in einer Reihe hochkarätiger Strafverfahren als Zeuge und Sachverständiger offiziell anerkannt. Seine Beteiligung an diesen Verfahren macht ihn zu einem entscheidend wichtigen Zeugen für künftige Prozesse vor dem Internationalen Strafgerichtshof.
Rechtsmissbrauch als politisches Instrument
Im Jahr 2025 wurde die russische Justiz aktiv: In Abwesenheit wurde gegen Vladyslav Balinsky ein Strafverfahren eingeleitet. Das Nationale Ökologische Zentrum der Ukraine bewertet dies als klassisches Beispiel für Rechtsmissbrauch, der nicht auf die Rechtspflege, sondern auf die Legitimierung weiterer Gewalt abziele.
Die Anklagepunkte lauten auf „Falschmeldungen über die russischen Streitkräfte“ sowie die „Schändung von Kriegsdenkmälern“. Letzteres bezieht sich auf die Demontage sowjetischer Symbole von dem Denkmal „Flügel des Sieges“, das an die Befreiung Odessas durch die Rote Armee im April 1944 erinnert.
Kein Recht auf Verteidigung
Eine offizielle Mitteilung über die Ermittlungen habe Balinsky von der russischen Justiz nicht erhalten, ebenso keine Information über den für den 29. Januar 2026 angesetzten ersten Verhandlungstermin vor dem Basmanny-Gericht in Moskau. „Russland ignoriert mein Recht auf Verteidigung vollkommen“, erklärt der Ökologe.
Die russische Botschaft in Berlin äußerte sich auf Nachfrage nicht zum Fall, mit der Begründung, laufende Gerichtsverfahren lägen außerhalb ihres Kompetenzbereichs.
Angst vor gezielter Verfolgung
Balinsky hat sich mit einer offiziellen Anzeige an den Sicherheitsdienst der Ukraine gewandt und um staatlichen Schutz gebeten. „Die Drohungen von Koordinatoren russischer Sabotagetrupps und Propagandisten sind absolut real“, sagte er. Er sei mit seinem Fall an die Öffentlichkeit gegangen, weil viele Kollegen gar nicht ahnten, dass sie bereits Ziel einer Jagd seien.
Der Ökologe fürchtet nicht nur um sein eigenes Leben, sondern auch um das seiner Familie. „Wir leben unter Raketenangriffen, aber nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl einer gezielten Verfolgung durch ein totalitäres Regime“, beschreibt Balinsky die bedrohliche Situation.
Internationale Dimension der Verfolgung
Dass der russische Justizapparat auch massiv gegen missliebige Menschen im Ausland vorgeht, zeigt das Beispiel von Jacques Tilly, dem Wagenbauer des Düsseldorfer Karnevalsumzugs. Mehrfach hat er mit seinen Kreationen den russischen Herrscher direkt karikiert. Seit Monaten soll die russische Justiz gegen den Karnevalisten ermitteln.
Während der Düsseldorfer relativ gelassen mit dem Strafverfahren umgehen kann, sieht das bei Vladyslav Balinsky anders aus. Seine Arbeit zur Dokumentation von Umweltverbrechen macht ihn zu einem besonderen Ziel russischer Repression – und gleichzeitig zu einem unverzichtbaren Zeugen für die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in der Ukraine.



