Arbeitszeitbetrug am Arbeitnehmer: Fast eine halbe Million unsichtbare Beschäftigte
Arbeitszeitbetrug: Fast 500.000 unsichtbare Beschäftigte (17.04.2026)

Die unsichtbare Arbeitskraft: Wenn Arbeit nicht als Arbeit zählt

Wenn von Arbeitszeitbetrug gesprochen wird, denken viele zunächst an klassische Fälle: private Erledigungen während der Arbeitszeit, nicht dokumentierte Pausen oder das Durchscrollen sozialer Medien am Arbeitsplatz. Doch eine Instagram-Kampagne der Verdi-Jugend lenkt den Blick auf die umgekehrte Perspektive – auf unbezahlte Mehrarbeit, die selbstverständlich in den Alltag vieler Beschäftigter integriert ist.

„Dir wurde Lebenszeit gestohlen“

„Hast du schonmal nur kurz nach Feierabend auf eine Mail geantwortet, in deiner Pause schnell etwas für die Arbeit erledigt, früher angefangen oder länger gemacht – ohne es aufzuschreiben?“, fragt die Verdi-Jugend in ihrem Beitrag. Wer diese Fragen mit „Ja“ beantworten könne, dem sei Arbeitszeitbetrug widerfahren. „Dir wurde Lebenszeit gestohlen, die dir gehört. Du hast gearbeitet, ohne dass es als Arbeit zählt“, schreibt die Jugendorganisation der Dienstleistungsgewerkschaft.

775 Millionen unbezahlte Überstunden

Wie verbreitet dieses Phänomen ist, zeigt der Index „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Demnach arbeiten 44 Prozent der Beschäftigten länger als vertraglich vereinbart. Ein Viertel der Befragten muss sogar mehr als fünf Stunden pro Woche zusätzlich arbeiten. Besonders alarmierend: 23 Prozent sind sehr häufig oder oft in ihrer Freizeit für die Arbeit erreichbar, während 15 Prozent regelmäßig unbezahlte Arbeit leisten.

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Der Deutsche Gewerkschaftsbund geht davon aus, dass allein im Jahr 2023 in Deutschland rund 775 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet wurden. Diese Menge entspricht ungefähr 486.700 Vollzeitstellen. Im Grunde arbeiten also fast eine halbe Million Arbeitnehmer in Deutschland, die es offiziell gar nicht gibt – eine unsichtbare Armee von Beschäftigten.

Besonders betroffene Branchen und Auszubildende

Besonders betroffen von dieser Form des Arbeitszeitbetrugs sind laut Gewerkschaften:

  • Reinigungskräfte
  • Gastronomie-Mitarbeiter
  • Beschäftigte in Paketdiensten

Das Problem beginnt oft bereits in der Berufsausbildung. Ein Drittel der befragten Auszubildenden leistet regelmäßig Überstunden, wobei 7,5 Prozent davon keinen Ausgleich erhalten. Besonders häufig betroffen sind laut DGB-Ausbildungsreport:

  1. Koch-Azubis
  2. Automobilkaufleute
  3. Bankkaufleute

Gesundheitliche Risiken und rechtliche Möglichkeiten

Wenn über die vertraglich vereinbarte Zeit hinaus gearbeitet wird und sich auch nach Feierabend die Gedanken weiter um den Job drehen, drohen ernsthafte gesundheitliche Auswirkungen. Verdi zählt dazu:

  • Schlafstörungen
  • Depressionen
  • Burnout-Syndrom
  • Belastungen von Beziehungen und Familie
  • Einschränkungen im Ehrenamt

Verdi sieht die Unternehmen in der Verantwortung: „Der Arbeitgeber hat die gesetzliche Pflicht für eine Arbeitszeiterfassung zu sorgen und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen. Dazu gehören auch eine gute Personalausstattung und eine entsprechende Unternehmenskultur.“

Werden Überstunden nicht vergütet, Arbeitsgesetze umgangen oder Arbeitszeiten falsch erfasst, können Beschäftigte rechtlich dagegen vorgehen. Relevant sind hier:

  • Das Arbeitszeitgesetz
  • Tarifverträge
  • Der jeweilige Arbeitsvertrag

„Beschäftigte können sich im Zweifel auch an ihre Betriebs- oder Personalräte wenden, wenn sie Unterstützung brauchen, Grenzen zu setzen“, rät Verdi. Meist handele es sich nicht um ein Individualproblem, sondern um ein strukturelles – eine Herausforderung, die das gesamte Arbeitsumfeld betrifft und systematische Lösungen erfordert.

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