Ausbildungsabbruch trifft sozial Benachteiligte besonders hart
Eine abgebrochene Ausbildung hat langfristige finanzielle Folgen – doch diese sind nicht für alle Jugendlichen gleich schwerwiegend. Eine neue umfangreiche Untersuchung zeigt deutliche Unterschiede zwischen sozialen Gruppen auf dem Arbeitsmarkt.
45 Prozent Einkommensverlust für Benachteiligte
Für junge Menschen aus sozial benachteiligten Familien bedeutet ein Ausbildungsabbruch im Durchschnitt einen dramatischen Einkommensverlust von 45 Prozent in den ersten zehn Jahren nach dem Abbruch. Das ergab eine gemeinsame Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Universitäten Bamberg und Bielefeld sowie des schwedischen Instituts für Sozialforschung.
Die konkreten Zahlen verdeutlichen das Ausmaß: Jugendliche aus benachteiligten Familien, die ihre Ausbildung erfolgreich abschließen, erzielten im Untersuchungszeitraum durchschnittlich 153.000 Euro Einkommen. Bei denen, die ihre Ausbildung abbrachen, belief sich das Einkommen hingegen auf lediglich 82.000 Euro – eine Differenz von 71.000 Euro.
Bessergestellte können Verluste ausgleichen
Ganz anders sieht die Situation für Jugendliche aus sozial besser gestellten Familien aus. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Gruppe trotz Ausbildungsabbruchs langfristig vergleichbare Einkommensniveaus erreicht wie ihre Altersgenossen ohne Abbruch.
„Die Folgen eines Ausbildungsabbruchs hängen auch mit den verfügbaren sozialen Ressourcen zusammen“, erklärt IAB-Forscherin Kerstin Ostermann. Entscheidend seien unterschiedliche „Puffer“ nach dem Abbruch: Jugendliche aus privilegierteren Familien finden häufiger einen Weg zurück in die Ausbildung oder können den Abschluss nachholen.
Studienbasis und methodischer Ansatz
Die Analyse wertete Daten von rund 650.000 Jugendlichen in der dualen Berufsausbildung aus, die ihre Erstausbildung zwischen 2000 und 2007 begonnen hatten. Die soziale Herkunft wurde über die Bildungsabschlüsse im unmittelbaren Wohnumfeld hergeleitet.
Untersucht wurden ausschließlich Ausbildungsabbrecher, die anschließend entweder in einen Job einstiegen, für den sie die Ausbildung nicht benötigten, oder die den Ausbildungsplatz wechselten. Die Studienautoren betonen, dass es sich vor allem um Abbrüche handelt, die durch äußere Faktoren verursacht sind und nur zu einem geringeren Teil durch individuelle Charakteristika der Jugendlichen.
Soziale Ressourcen als entscheidender Faktor
Der entscheidende Unterschied liegt in den verfügbaren sozialen Ressourcen: Während Jugendliche aus privilegierteren Familien häufig Unterstützungssysteme nutzen können, um ihre Karriere wieder auf Kurs zu bringen, fehlen sozial benachteiligten Jugendlichen genau diese Möglichkeiten.
Privilegierte Jugendliche gelingt es häufiger:
- Den Weg zurück in die Ausbildung zu finden
- Einen Abschluss nachzuholen
- In besser bezahlte Tätigkeiten einzusteigen
- Sogar in Jobs zu kommen, die formal einen Berufsabschluss voraussetzen
Sozial benachteiligte Jugendliche hingegen haben seltener Zugang zu solchen Neustartchancen, sodass ein Ausbildungsabbruch bei ihnen mit größerer Wahrscheinlichkeit dauerhaft zu niedrigeren Einkommen führt.
Implikationen für die Arbeitsmarktpolitik
Die Studie verdeutlicht, wie strukturelle Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt langfristige Auswirkungen haben können. Während ein Ausbildungsabbruch für manche Jugendliche nur eine vorübergehende Unterbrechung darstellt, wird er für sozial benachteiligte Gruppen oft zu einer dauerhaften Belastung mit erheblichen finanziellen Konsequenzen.
Die Forschungsergebnisse werfen wichtige Fragen zur Chancengleichheit im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt auf. Sie zeigen, dass nicht nur der Abbruch selbst, sondern vor allem die unterschiedlichen Möglichkeiten zum Wiedereinstieg und zur Kompensation die langfristigen Lebensverläufe prägen.



