Ifo-Studie zur Bildungsgerechtigkeit: Herkunft bestimmt Gymnasialchancen
Ifo-Studie: Herkunft bestimmt Gymnasialchancen von Kindern

Eine aktuelle Studie des Ifo-Instituts offenbart erschreckende Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem. Kinder aus Familien ohne akademischen Hintergrund und mit geringem Einkommen haben von Beginn an deutlich schlechtere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen. Besonders betroffen sind Jungen.

Die Kernaussagen des Ifo-Chancenmonitors

Der am Dienstag vorgestellte Ifo-Chancenmonitor 2026 basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von 67.851 Kindern und Jugendlichen. Die zentrale Erkenntnis: Die soziale Herkunft bestimmt maßgeblich den Bildungsweg. Kinder von Eltern ohne Abitur und mit einem Haushaltseinkommen unter 2.750 Euro haben lediglich eine 16,9-prozentige Chance auf das Gymnasium. Im Gegensatz dazu liegt die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus wohlhabenden Akademikerfamilien bei 80,3 Prozent.

Die Studie zeigt zudem, dass sich die Bildungsungleichheit in den letzten drei Jahren weiter verfestigt hat. „Die Startchancen von Kindern und Jugendlichen werden noch immer viel zu sehr von ihrer sozialen Herkunft bestimmt“, warnt Studienautor Ludger Wößmann. Dies führe zu sozialen Spannungen und gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Geschlechterunterschiede als zusätzliche Hürde

Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den „auffälligen Geschlechterunterschieden“. Jungen werden häufiger verspätet eingeschult, erhalten öfter Diagnosen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche oder ADHS und bleiben häufiger sitzen. Im Schuljahr 2024/25 lag der Anteil männlicher Schüler an Haupt- und Mittelschulen bei 57 Prozent, an Förderschulen sogar bei 65 Prozent. Gleichzeitig gibt es seit den 1980er-Jahren mehr Abiturientinnen als Abiturienten.

Als Ursachen nennen die Forscher unter anderem fehlende Rollenvorbilder und geschlechterstereotype Annahmen. „Lesen wird oft als Mädchensache angesehen, während Jungen mit geringem Bildungsinteresse konnotiert werden“, so die Studie. Empfohlen werden unter anderem mehr männliche Fachkräfte in Kitas und Schulen sowie eine gezielte Leseförderung für Jungen.

Praxisbeispiel: Kinderschutzbund Elmshorn

Der Kinderschutzbund in Elmshorn versucht, der Ungerechtigkeit entgegenzuwirken. Mit einem Team aus Ehrenamtlichen bietet er zweimal pro Woche kostenlose Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe an. Vorsitzender Claas Schmidt-Riese betont: „Die Kinder sind genauso intelligent wie andere, aber ihre Lebensumstände schaffen Hürden.“ Dazu zählen Platzmangel in der Wohnung, fehlende Deutschkenntnisse, Hunger und Armut. Viele Eltern könnten sich keine Nachhilfe leisten oder wüssten nicht, welche Unterstützung ihnen zusteht.

Ein Beispiel ist die zwölfjährige Dalia, die regelmäßig die Einrichtung besucht. Sie besucht ein Gymnasium in Elmshorn und möchte Medizin studieren. Trotz guter Noten ist ihr Bildungsweg statistisch gesehen ungewöhnlich: Sie kommt aus einer nicht-akademischen Familie ohne hohes Einkommen.

Politische Handlungsoptionen

Die Forscher fordern ein Bündel an Maßnahmen: frühkindliche Bildungsangebote, Erziehungshilfen, Mentoring und kostenfreie Nachhilfe. Zudem müssten die besten Lehrkräfte an Schulen mit vielen benachteiligten Kindern eingesetzt und die Aufteilung auf weiterführende Schulen später erfolgen. Ein längerer gemeinsamer Unterricht über die Grundschulzeit hinaus wäre ein radikaler Umbau, der jedoch politisch kaum umgesetzt wird.

Das Startchancenprogramm von Bund und Ländern investiert zwar 20 Milliarden Euro in 4.000 Schulen, erreicht aber nur rund zehn Prozent aller Schulen. Grundlegende Strukturreformen bleiben aus, obwohl das Ifo-Institut berechnet hat, dass bessere Bildung das Bruttoinlandsprodukt bis 2105 um rund 20,9 Billionen Euro steigern könnte.

In Elmshorn setzt man derweil auf Aufklärung: „Wir besuchen Schulen und klären Kinder über ihre Rechte auf, auch das Recht auf Bildung“, sagt Janina Rohloff vom Kinderschutzbund. Denn: „Diesen Kindern fehlt die Lobby.“

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