Massiver Protest gegen Zalando-Schließung in Erfurt – Arbeitsministerin Schenk übt scharfe Kritik
Bei einer Kundgebung gegen die geplante Schließung des Zalando-Standortes in Erfurt haben sich Mitarbeiter, Gewerkschafter und prominente Politikvertreter lautstark zu Wort gemeldet. Der Protest fand am Samstag vor dem Erfurter Hauptbahnhof statt und richtete sich gegen die Schließungspläne des Internet-Modehändlers für das Logistikzentrum in der thüringischen Landeshauptstadt. Im Mittelpunkt der Kritik stand dabei insbesondere der Umgang Zalandos mit der Belegschaft und dem Betriebsrat.
„Systematisches In-den-Arsch-Treten“ – Arbeitsministerin Schenk äußert Empörung
Arbeitsministerin Katharina Schenk kritisierte den Dax-Konzern und dessen nach ihrer Ansicht fehlende Kooperationsbereitschaft deutlich. „Ich war stocksauer“, fasste die SPD-Politikerin ihr Empfinden nach ihrem Besuch bei der Betriebsversammlung am vergangenen Mittwoch zusammen. Sie unterstellte Zalando ein „systematisches In-den-Arsch-Treten von den Menschen, die den Erfolg erwirtschaftet haben“ und betonte: „Starke, gesunde, gut bezahlte Arbeitnehmer sind die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg, sonst nichts.“
Gewerkschafter Adorf: Es geht um mehr als nur Arbeitsplätze
Verdi-Gewerkschaftssekretär Matthias Adorf hob hervor, dass es nicht nur um Arbeitsplätze gehe, sondern auch um Biografien. Als er selbst vor einigen Jahren bei Zalando gearbeitet habe, habe er dort seine heutige Ehefrau kennengelernt. „Das ist nicht die einzige Zalando-Ehe, die es hier in Erfurt gibt.“ Das Unternehmen entziehe den Beschäftigten den Boden, auf dem Ehen, Beziehungen und Freundschaften entstanden seien und auf dem auch die wirtschaftliche Existenz stehe. Adorf kritisierte zudem, dass bei der letzten Betriebsversammlung kein Vertreter der Geschäftsleitung anwesend war, was er als neuen Tiefpunkt bezeichnete.
Politische Unterstützung vor Ort
Neben Arbeitsministerin Schenk waren auch andere Politiker bei der Kundgebung anwesend, darunter Finanzministerin Katja Wolf und Infrastrukturminister Steffen Schütz (beide BSW) sowie der ehemalige Ministerpräsident und Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke). Ihre Anwesenheit unterstrich die politische Dimension des Konflikts und die breite Ablehnung der Schließungspläne.
Zalando pocht auf Einigungsstelle – Betriebsrat lehnt ab
In einer schriftlichen Mitteilung als Reaktion auf die Kundgebung betonte ein Unternehmenssprecher von Zalando: „Wir haben Verständnis für die Emotionen der Betroffenen. Klar muss aber auch sein: Wirkliche Fortschritte für die Belegschaft erzielen wir nur durch konstruktive Sacharbeit am Verhandlungstisch im Rahmen der Einigungsstelle.“ Die Einigungsstelle soll einer Arbeitsgerichtsentscheidung zufolge im Konflikt um die Schließung schlichten. Zalando hatte diese Schlichtungsinstanz beantragt und das Gericht angerufen.
Der Betriebsrat lehnt die Einigungsstelle jedoch ab. Er hält das Gremium für nicht notwendig und betont, offen für direkte Gespräche über Interessenausgleich und Sozialpläne zu sein. Zalando erklärte sich bereit, die Arbeit in der Einigungsstelle sofort zu beginnen und würde es begrüßen, wenn der Betriebsrat der Entscheidung des Arbeitsgerichts folgen würde.
Hintergrund: 2.700 Beschäftigte betroffen
Im Zalando-Logistikzentrum in Erfurt sind rund 2.700 Arbeitnehmer beschäftigt. Nach den Plänen des Dax-Konzerns soll es im September geschlossen werden. Dagegen wehrt sich die Arbeitnehmervertretung entschieden. Den für Mitarbeiter überraschenden Schritt hatte Zalando Anfang des Jahres kurz nach der arbeitsintensiven Weihnachtszeit angekündigt.
Als Grund für die Schließung nennt das Unternehmen eine Neuausrichtung des konzerneigenen europaweiten Logistiknetzwerks nach der Übernahme des Online-Modehändlers About You im vergangenen Jahr. Diese strategische Anpassung führt nun zu erheblichen sozialen Verwerfungen in der Region Erfurt, wo viele Familien und Existenzen von den Arbeitsplätzen bei Zalando abhängen.



