Mercedes EQS: Der zweite Anlauf zur elektrischen S-Klasse
Als der Mercedes EQS im Jahr 2021 erstmals auf den Markt kam, sollte er die elektrische Version der legendären S-Klasse werden. Der ambitionierte Plan sah einen direkten Ersatz für das Verbrenner-Modell ohne Übergangsphase vor. Doch dieser Husarenritt gelang nicht wie erhofft. Jetzt startet Mercedes einen zweiten Anlauf und richtet den EQS technisch komplett neu aus.
Optische und technische Neuerungen
Mercedes setzt beim überarbeiteten EQS auf klarere Linien und mehr Präsenz. Powerdomes auf der Haube und eine selbstbewusstere Frontgestaltung brechen bewusst mit der reinen Effizienzform des Vorgängers. Doch die eigentlichen Veränderungen finden unter der Oberfläche statt.
Mit der neuen 800-Volt-Technik erreicht der EQS endlich Augenhöhe mit der Konkurrenz. Bis zu 400 kW Ladeleistung ermöglichen etwa 320 Kilometer Reichweite in nur zehn Minuten. Diese Werte sind zwar nicht revolutionär, aber für ein Fahrzeug dieser Klasse unverzichtbar geworden.
Software-Update und Fahrwerksverbesserungen
Das neue Betriebssystem MB.OS verwandelt den EQS in ein rollendes digitales Produkt. Over-the-Air-Updates, eine neue Assistenzsystem-Generation und deutlich mehr Rechenleistung sorgen für ein moderneres und intuitiveres Bedienungserlebnis.
Fahrwerksseitig setzt Mercedes auf eine cloudbasierte Dämpferregelung, die nicht nur Unebenheiten ausgleicht, sondern diese sogar antizipieren kann. Das Ziel ist eindeutig: weniger Störungen, mehr Ruhe und ein souveränerer Gesamteindruck – genau das, was man von einem Fahrzeug der Oberklasse erwartet.
Steer-by-Wire als technische Zäsur
Die tiefgreifendste Veränderung betrifft die Lenkung. Mit Steer-by-Wire kappt Mercedes die mechanische Verbindung zur Vorderachse komplett. Der Lenkwunsch wird nun elektronisch übertragen, was mehr als 170 Grad Lenkeinschlag überflüssig macht. Das charakteristische Übergreifen am Lenkrad gehört damit der Vergangenheit an.
Das neue Lenksystem erfordert zunächst ein Umdenken beim Fahrer. Alte Bewegungsmuster greifen nicht mehr, und die ersten Fahrten können mit zu großen Lenkwinkeln und unruhigen Linien verbunden sein. Doch mit zunehmender Gewöhnung werden die Bewegungen kleiner und die Kontrolle über das Fahrzeug größer.
Emotionaler Aufholbedarf
Trotz beeindruckender Aerodynamik, großer Batterie und stattlicher 5,22 Meter Länge fehlte dem ursprünglichen EQS genau das, was eine S-Klasse auszeichnet: Präsenz, Raumgefühl und ein gewisser Auftritt. Stattdessen blieb der Eindruck eines „Silberfischchens“, bei dem viel Technik auf wenig Emotion traf.
Der schönste Platz im EQS befindet sich nach wie vor hinter dem Beifahrersitz – idealerweise wenn dieser nicht besetzt ist. Hier zeigt sich das Raumkonzept des Fahrzeugs von seiner besten Seite.
Fazit: Technischer Vorsprung, emotionaler Aufholprozess
Technisch fährt der EQS der konventionellen S-Klasse längst voraus. Mit der zweiten Auflage holt Mercedes nun auch emotional und platztechnisch deutlich auf. Die entscheidende Frage bleibt, ob aus diesem technischen Fortschritt auch echte Begehrlichkeit entsteht. Der überarbeitete EQS macht jedenfalls deutlich, dass Mercedes entschlossen ist, die elektrische Oberklasse neu zu definieren.



