IEA-Chef warnt vor historischer Energiekrise: Öl-Schock übertrifft 1970er-Jahre
Die globale Energiesituation hat sich nach Einschätzung von Fatih Birol, dem Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), dramatisch zugespitzt. In einem exklusiven Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der 68-jährige Energieexperte von der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“. Nach längerem Schweigen bricht Birol nun sein Schweigen, um die Weltöffentlichkeit vorzuwarnen.
Historischer Vergleich mit verheerenden Zahlen
Birol zieht einen direkten Vergleich zu den Ölkrisen der 1970er-Jahre – mit alarmierenden Ergebnissen. „Der Schaden ist größer als bei diesen beiden großen Ölpreisschocks zusammen“, erklärt der IEA-Chef. Aktuell fehlen weltweit etwa elf Millionen Barrel Öl pro Tag, während es in den Krisenjahren 1973 und 1979 zusammen nur etwa zehn Millionen Barrel waren.
Die Situation beim Erdgas ist noch gravierender: Die Verluste im Mittleren Osten belaufen sich auf rund 140 Milliarden Kubikmeter – fast doppelt so viel wie nach dem Beginn des Ukraine-Krieges. Diese Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der aktuellen Krise.
Straße von Hormus: Hauptarterie der Weltwirtschaft lahmgelegt
Besonders kritisch ist die Lage in der strategisch wichtigen Straße von Hormus. Birol bezeichnet diese Wasserstraße als „Hauptarterien der Weltwirtschaft“, die aktuell fast vollständig lahmgelegt seien. Durch diese Engstelle fließen nicht nur Öl und Gas, sondern auch lebenswichtige Rohstoffe wie Dünger, Schwefel und Helium.
Selbst wenn sich die politische Lage beruhigen sollte, bleiben die Folgen spürbar: Stillgelegte Ölfelder benötigen bis zu sechs Monate, um wieder vollständig in Betrieb genommen zu werden. Die IEA hat bereits 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben, was etwa 20 Prozent der Vorräte entspricht.
Deutschlands Energiepolitik in der Kritik
Birol übt deutliche Kritik an der deutschen Energiepolitik der letzten Jahrzehnte. „Deutschland hat einen riesigen strategischen Fehler begangen, indem es die Kernkraftwerke stillgelegt hat“, so der IEA-Chef, der diese Position seit fast 20 Jahren vertritt. Seiner Einschätzung nach wäre die aktuelle Situation weniger dramatisch, wenn Deutschland seine Kernkraftkapazitäten erhalten hätte.
Für die Zukunft sieht Birol Potenzial in modularen Minireaktoren, die er Anfang der 2030er-Jahre auf dem Markt erwartet. Gleichzeitig fordert er von der Industrie, Lehren aus der Krise zu ziehen – ähnlich wie in den 1970er-Jahren, als der Benzinverbrauch von Autos als Reaktion auf die Ölkrise halbiert wurde.
Sparmaßnahmen und langfristige Lösungen
Die IEA empfiehlt drastische Sparmaßnahmen für Bürgerinnen und Bürger, dar weniger Autofahren und mehr Homeoffice. Neue Ölquellen in Europa bieten laut Birol keine schnelle Lösung: Selbst bei sofortigen Erkundungen würde es etwa zehn Jahre dauern, bis das Öl auf den Markt kommt.
Der IEA-Chef zeigt sich besorgt über das mangelnde Problembewusstsein bei politischen Entscheidungsträgern: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger die Tragweite des Problems, in dem wir uns befinden, schon verstanden haben“. Seine Warnung könnte nicht deutlicher sein: Die Welt steht vor einer historischen Energiekrise, die alle bisherigen Herausforderungen in den Schatten stellt.



