Die Folgen des Iran-Kriegs belasten die wirtschaftliche Lage in Deutschland immer stärker. Nach einem überraschend starken Jahresstart rechnet die Bundesregierung nun mit einem deutlichen Konjunktur-Dämpfer im zweiten Quartal. Das Wirtschaftsministerium stellt in seinem aktuellen Monatsbericht fest, dass sich die Anzeichen für eine spürbare konjunkturelle Abschwächung verdichten.
Wachstumsprognose halbiert
Bereits vor mehr als drei Wochen hatte die Bundesregierung ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr halbiert. Statt eines soliden Wachstums wird nun nur noch ein Mini-Plus von 0,5 Prozent erwartet. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) begründete dies mit der Eskalation im Nahen Osten, die Deutschland und andere Länder wirtschaftlich zurückgeworfen habe. Der Iran-Krieg treibe die Preise für Energie und Rohstoffe in die Höhe.
Starker Start ins Jahr
Zu Beginn des Jahres war die deutsche Wirtschaft noch deutlich stärker gewachsen als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu. Doch die aktuellen Indikatoren deuten laut Ministerium nun auf einen deutlichen Dämpfer hin. Steigende Preise, Probleme in den Lieferketten und eine hohe Unsicherheit belasten die Stimmung sowohl in den Unternehmen als auch bei den privaten Haushalten. In den kommenden Monaten sei weiterhin mit hoher Volatilität an den Energie-, Rohstoff- und Finanzmärkten zu rechnen.
Langfristige Folgen erwartet
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung hängt maßgeblich davon ab, wie lange der Konflikt im Nahen Osten andauert und wie stark Handelswege sowie Produktionskapazitäten beeinträchtigt bleiben. Selbst nach einer Entspannung der Lage dürften die Folgen bei den Energie- und Rohstoffpreisen sowie in den Lieferketten noch länger spürbar sein, heißt es in dem Bericht.
Stimmungsindikatoren eingetrübt
Seit Beginn des Iran-Kriegs haben sich die Stimmungsindikatoren in der deutschen Wirtschaft deutlich eingetrübt. Die Furcht vor weiter steigenden Energie- und Rohstoffpreisen sowie die zunehmend spürbare Anspannung bei den Lieferketten belasten die Unternehmen. Besonders die Ölpreise sind seit Kriegsbeginn stark gestiegen, da die für den Ölhandel zentrale Straße von Hormus faktisch geschlossen ist. Die Verbraucher in Deutschland spüren dies vor allem an den hohen Preisen an den Tankstellen. Bis Ende Juni gilt noch ein von der Bundesregierung beschlossener Tankrabatt. Politiker der schwarz-roten Koalition haben für den Fall eines andauernden Konflikts weitere Entlastungen in Aussicht gestellt.
Energieintensive Industrie leidet
Hohe Energiepreise belasten besonders die energieintensiven Industriebereiche in Deutschland. Dies hat zu einer geringeren Produktion und zu Jobverlusten geführt. Seit Februar 2022 fiel der Produktionsrückgang in ausgewählten Branchen wie Chemie, Papier, Glas oder Metallerzeugung mit 15,2 Prozent deutlich stärker aus als in der gesamten Industrie mit 9,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Mit dem Produktionsrückgang gingen etliche Arbeitsplätze verloren. Im März 2026 arbeiteten noch 794.400 Menschen in energieintensiven Branchen, 6,3 Prozent weniger als im Februar 2022. Das entspricht einem Verlust von rund 53.200 Stellen.
Wohnungsbau unter Druck
Auch der Wohnungsbau wird zunehmend belastet. Im April brach die Stimmung in der deutschen Wohnungsbauwirtschaft laut einer Konjunkturumfrage so stark ein wie seit rund vier Jahren nicht mehr. Das Geschäftsklima fiel nach Angaben des Münchner Ifo-Instituts von minus 19,3 auf minus 28,4 Punkte – der stärkste Rückgang seit April 2022. Vor allem die Zukunftserwartungen der Unternehmen trübten sich deutlich ein, aber auch die Beurteilung der laufenden Geschäfte verschlechterte sich. Die geopolitische Unsicherheit belaste inzwischen auch den Wohnungsbau in Deutschland, sagte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. Mit fragilen Lieferketten und steigenden Finanzierungskosten kämen mehrere Risiken gleichzeitig auf den Bau zu. Die Sorgen um Lieferengpässe nehmen spürbar zu. Im April meldeten 9,2 Prozent der befragten Unternehmen Einschränkungen bei der Materialversorgung – vor allem bei Grundstoffen. Zuvor hatte dieser Wert über zwei Jahre hinweg bei lediglich rund einem Prozent gelegen.
Reformpaket geplant
Die Bundesregierung steht unter zunehmendem Druck, grundlegende Reformen auf den Weg zu bringen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat als Priorität genannt, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhöhen. Wirtschaftsverbände drängen mit Blick auf steigende Sozialabgaben auf Entlastungen. Bis zur parlamentarischen Sommerpause Mitte Juli will die Koalition ein großes Reformpaket bei Rente, Steuern, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau auf den Weg bringen.



