Geflügelpest in Niedersachsen: Über 37 Millionen Euro Schaden und Impfdebatte
Geflügelpest: 37 Mio. Euro Schaden in Niedersachsen

Geflügelpest in Niedersachsen: Historische Epidemie mit Millionenverlusten

Niedersachsen erlebt die größte Geflügelpest-Epidemie seiner Geschichte. Seit Mitte Oktober vergangenen Jahres bis Ende März mussten mehr als 1,6 Millionen Tiere getötet werden. Die finanziellen Folgen sind verheerend: Aus der Tierseuchenkasse wurden bereits über 37 Millionen Euro an betroffene Tierhalter ausgezahlt – und diese Summe wird laut Experten in den kommenden Wochen noch weiter steigen.

Endemische Situation und historische Fallzahlen

Das Virus der Geflügelpest, auch als Vogelgrippe bekannt, hat sich in Deutschland inzwischen zu einer endemischen Bedrohung entwickelt. Ganzjährig werden Infektionen bei Wildvögeln in ganz Europa festgestellt, wobei wildlebende Wasservögel wie Enten und Gänse als natürliches Reservoir gelten. Zugvögel transportieren auf ihren Routen regelmäßig neue Varianten des Krankheitserregers.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt die Dimension der aktuellen Krise: Bereits 2021 mussten in Niedersachsen bei 80 Ausbrüchen etwa 1,6 Millionen Tiere getötet werden. Im Jahr darauf waren es bei 46 Ausbrüchen knapp 1,3 Millionen Tiere. Die aktuellen Zahlen übertreffen diese Werte deutlich und markieren einen traurigen Höhepunkt.

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Betriebsstrukturen und regionale Besonderheiten

Von den aktuellen Ausbrüchen waren 79 Betriebe mit Stallhaltung (rund 1,5 Millionen Tiere) und 24 Freilandhaltungen mit 68.000 Tieren betroffen. Die Freilandhaltungen stellen dabei überwiegend kleinere Privathaltungen dar, was die verbreitete Annahme, Freilandhaltungen seien besonders gefährdet, relativiert. Das tatsächliche Risiko hängt stark von örtlichen Gegebenheiten ab.

Niedersachsen ist als Bundesland mit den meisten Geflügelhaltungen und zahlreichen Rastplätzen für Zugvögel besonders exponiert. 2025 waren besonders Kraniche betroffen, die noch keine Immunität entwickelt hatten und früh in ihre Winterquartiere aufbrachen. Dadurch stieg die Viruslast in Regionen mit besonders hoher Geflügeldichte signifikant an.

Sicherheitsmaßnahmen und ihre Grenzen

Die Sicherheitsvorkehrungen in niedersächsischen Betrieben gelten bereits als außergewöhnlich hoch. „Wir versuchen noch, Detailschrauben zu drehen, aber viel ist da nicht zu holen“, erklärt Friedrich-Otto Ripke, Verbandschef der niedersächsischen Geflügelwirtschaft. Die Auflagen in Niedersachsen übertreffen laut Tierseuchenkasse-Geschäftsführerin Ursula Gerdes deutlich die Standards anderer Bundesländer.

Jeder Tierhalter muss mittlerweile eine umfassende Risikobewertung für das Einschleppen von Seuchen vorlegen, ergänzt durch konkrete Maßnahmen und eine lückenlose Dokumentation. Die Tierseuchenkasse zahlt Entschädigungen nur noch, wenn ein solches Sicherheitskonzept nachweislich vorgelegt wurde.

Die Impfdebatte und internationale Vergleiche

Angesichts der anhaltenden Bedrohung rückt das Thema Impfung immer stärker in den Fokus. Aus Sicht der Geflügelwirtschaft muss das Impfen der Tiere künftig erlaubt sein, doch hierfür müssen seitens der Bundesregierung noch wichtige Voraussetzungen geschaffen werden. Eine Arbeitsgruppe untersucht derzeit Aufwand und Kosten einer flächendeckenden Impfkampagne.

Frankreich und die Niederlande sind Deutschland in dieser Hinsicht bereits voraus, wo bereits Großversuche durchgeführt wurden. In Frankreich stellte die Regierung 100 Millionen Euro für die Impfung französischer Enten bereit – eine Summe, die nach Einschätzung von Experten in Deutschland nicht erreicht werden wird.

Neben den finanziellen Hürden gibt es weitere Herausforderungen: Impfungen könnten zu Exportverboten in bestimmte Staaten führen, und bis zur Praxistauglichkeit einer flächendeckenden Impfstrategie werden noch mehrere Jahre vergehen.

Finanzielle Folgen und politische Positionen

Die Tierseuchenkasse übernimmt die unmittelbaren Kosten der Krise:

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  • Tötungskosten und Tierbeseitigung
  • Wert der Tiere zum Zeitpunkt der Tötung
  • Reinigung und Desinfektion der Ställe

Nicht abgedeckt werden jedoch Verdienstausfälle während der Leerstandphase der Ställe sowie die Kosten für vernichtete Futtermittel. Von Mitte Oktober bis Ende März gab es insgesamt 102 Ausbrüche, bei denen knapp 33,7 Millionen Euro für Entschädigungen und Tötungskosten ausgezahlt wurden. Hinzu kamen jeweils etwa 2 Millionen Euro für die Beseitigung der Tiere sowie für Reinigung und Desinfektion.

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) betont: „Die Geflügeldichte in den jeweiligen Regionen ist ein wesentlicher Faktor, der die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs erhöht.“ Trotz hoher Sicherheitsstandards und enormem Aufwand komme es weiterhin zu wirtschaftlich verheerenden Ausbrüchen. Der Bund müsse Haltungsformen krisenresilient und tierwohlorientiert weiterentwickeln, da die Vogelgrippe im Wildvogelbestand endemisch geworden sei.

Die aktuelle Situation zeigt deutlich: Während in den vergangenen Wochen keine neuen Ausbrüche gemeldet wurden, bleibt die Geflügelpest eine permanente Bedrohung für die niedersächsische Geflügelwirtschaft. Die Diskussion um nachhaltige Lösungen – von regional angepassten Haltungskonzepten bis hin zu möglichen Impfstrategien – wird die Branche noch lange beschäftigen.