Kapitän ohne Schiff: Der letzte Binnenschiffer der Region ist jetzt an Land
Binnenschiffer „Ulli Dömitz“ bewacht sein altes Frachtschiff in Anklam. Die städtische Wohnungsgesellschaft kaufte es. Zukunfts-Pläne für das Schiff stocken jedoch seitdem.
An der Küste kennt man ihn nur unter dem Namen „Ulli Dömitz“. Gemeint ist Ulrich Krüger aus Anklam. Der 72-Jährige war ein halbes Jahrhundert auf dem Binnenfrachter „Dömitz“ beschäftigt, den ihm die städtische Wohnungsgesellschaft der Hansestadt im Dezember 2022 für den Schrottpreis von 50.000 Euro abkaufte. Seitdem wartet das Schiff im Peene-Hafen auf eine zweite Zukunft.
Ungewisse Zukunft trotz Machbarkeitsstudie
Es gebe zwar Pläne, wie man von Krüger hört, aber „nichts Genaues weiß man nicht“, schüttelt er den Kopf. 2020 wurde von der Stadt für 100.000 Euro eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, doch nichts geschah. „Vier Jahre lang!“, regt sich Krüger auf. Mit ihm viele Anklamer, die darin eine Steuerverschwendung sehen. Dabei hätte es genügend Möglichkeiten gegeben. Krüger weiß zu berichten von Projekten wie Schwimmbad im Laderaum, Schifffahrtsmuseum, Gastronomie. Daraus geworden ist bislang nichts und die „Dömitz“ zerrt weiter geduldig an ihren Leinen.
Liebe zum Wasser kam mit der Jolle
Damit sie nicht zu sehr daran zerrt, schaut er immer mal wieder an Bord seiner ehemaligen Arbeitsstätte vorbei, „um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist“, sagt er. Nicht etwa aus Anhänglichkeit, sondern Pflichtgefühl. Und das – seit der Lehre auf der Binnenschiffer-Schule in Schönebeck an der Elbe – schon seit fast einem halben Jahrhundert auf demselben Schiff. Das ist Rekord!
Der 1954 in Ueckermünde geborene Sohn eines Agrar-Veterinärs hat das von zu Hause mitbekommen, auch die Leidenschaft fürs Wasser. Als sein Vater eine Jolle kaufte, verbrachten Krüger und sein Bruder fortan viele Stunden an der Pinne auf dem Stettiner Haff.
Der letzte Frachter seiner Art in MV
Dort hatte er damals auch eine denkwürdige Begegnung: mit einem Schiff der Städte-Klasse. Es war wie seine „Dömitz“ ein „Typ Boizenburg“, der 1960 in der gleichnamigen Elbe-Stadt gebaut wurde. „Für mich war das damals ein Riese“, erinnert sich Schiffsführer Krüger. Nach der Wende konnten er und sein Kompagnon Norbert Hagemann den soliden Frachter für 135.000 D-Mark von der Treuhand kaufen.
„Der passte wie maßgeschneidert ins Revier“, freute sich Krüger damals: 67 Meter lang, 8,20 Meter breit, beladen maximal 2,36 Meter tiefgehend und mit 805 Tonnen vermessen. Letztes seiner Art, das in Mecklenburg-Vorpommern verkehrte.
„Zu DDR-Zeiten sind Reedereischiffe dieser Serie sogar“, erklärt Ulrich Krüger nicht ohne Schifferstolz, „mit nautischer Sonderausrüstung bis nach Rostock und Dänemark gefahren“. Und damit über das genau durch Grenzen festgelegte Küstengewässer, die Zone 2, hinaus auf die hohe See. Oft hat er mit der „Dömitz“ in Stralsund angelegt, um hier Kohle zu löschen oder Getreide zu laden.
Binnenschiffer denkt über Biografie nach
Beim nostalgischen Gespräch in der noch original aus DDR-Zeiten erhalten gebliebenen Wohnküche des Schiffes erinnert sich Ulrich Krüger gern an die Vergangenheit. Auch kann er erzählen und darüber hinaus schreiben: ein Talent, das ihn sogar zum Mitarbeiter der DDR-Fachzeitschrift „Binnenschifffahrt“ machte. Dokumentiert habe er alles durch Hunderte Fotos. Er denkt jetzt sogar darüber nach, seine „Biografie auf dem Wasser“ zu verfassen. Ein Vorgeschmack wird demnächst in einem Sammelband erscheinen, in dem Binnenschiffer aus ihrem Leben berichten. Krüger ist darin der einzige mit DDR-Vergangenheit. „Damals blühte die Binnenschifffahrt“, gehen Krügers Gedanken zurück, „während heute fast alles auf die Straße verlagert wird – und das in Zeiten des Klimawandels“.
Krügers skeptisches Fazit damals: „Investitionen lohnen nicht mehr, und Reparaturen sind teuer. Wir sind froh, dass wir hier noch etwas verdienen und bis zur Rente über die Runden kommen“. Sie haben es dennoch geschafft. „Sogar unser Schiff ist uns dank des Ankaufs erhalten geblieben“, freuen sich die beiden Männer auf ihre neuen Aufgaben an Land. Vielleicht auch irgendwann als ehrenamtliche „Schiffs-Führer“.
Binnenschifffahrt: Die „MS Dömitz“ in Zahlen und Fakten
- Auftraggeber: VEB Deutsche Binnenreederei, Berlin
- Bauwerft: VEB Elbe-Werft, Boizenburg
- Baujahr: 1960; Typ „Motorgüterschiff Boizenburg – I“
- Insgesamt gebaut (1960-1964 auch auf den Werften Oderberg und Roßlau) 90 Schiffe (später vielfach auf 80 Meter verlängert, mit Tragfähigkeit 1.046 Tonnen)
- Länge über alles: 67 Meter
- Breite: 8,20 Meter
- Seitenhöhe: 2,50 Meter
- Gesamthöhe: 3,95 Meter
- Tiefgang leer: 1,17 Meter, beladen: 2,35 Meter
- Tragfähigkeit max. nach letzter Eichung: 845 Tonnen
- Maschinenanlage: 8-Zylinder-Hauptmaschine Typ 8 NVD 36 A
- Leistung: 420 PS / Drehzahl 375 U/min, VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“, Magdeburg
- Ruderanlage: 60-Grad-schwenkbar
- Geschwindigkeit: 14 km/h (max.)
- Laderaumabdeckung: Stahl – Rolldeck
- Einsatzgebiet: DDR-Wasserstraßen, Küstenfahrt, später auch westdeutsches/europäisches Wasserstraßennetz; Schiffe waren zum Teil eisverstärkt, konnten als Schub- und Schleppverband fahren
- Typisch: die abgeschrägten Steuerhausfenster



