Nach einer schweren persönlichen und wirtschaftlichen Krise hat Marcel Schulze einen radikalen Neuanfang gewagt. Der 36-Jährige lebt seit April 2025 in Jomtien, Thailand, etwa 9000 Kilometer von seiner deutschen Heimat entfernt. Seine Geschichte zeigt, wie ein Neustart im Ausland gelingen kann – und welche Hürden es zu überwinden gilt.
Eine emotionale Vergangenheit
Das Gespräch mit unserer Zeitung wurde für Marcel Schulze plötzlich sehr emotional. Während eines Interviews zum Thema Auswandern sah er auf der Online-Seite des Nordkurier ein Video. Darin erzählte sein Großvater Helmut Siegfried Steuer von dem Tag, an dem er miterleben musste, wie seine Frau bei einem Autounfall starb und seine Tochter drei Monate später an Krebs. Das geschah im Jahr 2004. Marcel Schulze war damals 14 Jahre alt und hatte kurz zuvor bereits seine andere Großmutter verloren. „Dann starb auch noch mein Onkel, und am Ende hatte ich nur noch meinen Opa und meine kleine Schwester“, berichtete er mit Tränen in den Augen.
Der Weg in die Ferne
Vor zwei Jahren zog sein Großvater, der bis dahin allein in einem Häuschen in Kröchlendorff lebte, in eine Pflegeeinrichtung in Prenzlau. Diese Entscheidung fiel dem ehemaligen Gastronomen des Gasthauses „Zur Eiche“ in Boitzenburg schwer, entlastete aber die Familie. Marcel Schulze lebte und arbeitete zunächst in Thüringen, dann in Hamburg. Er gründete eine eigene Firma, doch die Corona-Pandemie brachte ihn zu Fall. „2018 gründete ich meine zweite Firma, es lief gut. Dann kam die Corona-Welle, ich verlor viele Kunden. Im Frühjahr 2020 musste ich Insolvenz anmelden und verfiel in eine schwere Depression. Das war richtig schlimm. 2023 hatte ich gar keinen Bock mehr auf Deutschland und wollte auswandern“, erinnert er sich.
Stationen auf dem Weg nach Thailand
Sein erster Versuch führte ihn nach Spanien. Er arbeitete in einem Callcenter und baute nebenbei ein Online-Business auf. Nach einem Jahr zog es ihn nach Dubai, wo er sich bessere Geschäfte erhoffte. Doch schon nach drei bis vier Monaten brach er seine Zelte dort ab und kehrte nach Spanien zurück. Im Januar 2025 fasste er einen neuen Entschluss: „In Spanien ist es mir zu kalt. Wo könnte ich hin? Die Welt steht einem doch heutzutage offen, mit einem Online-Business kann man überall leben, wenn man es richtig macht. Meine Wahl fiel auf Kolumbien oder Thailand.“ Ein glücklicher Zufall half ihm: In einem Zoom-Call mit einem Freund vermittelte dieser ihm über einen Bekannten eine Wohnung, die sonst nur für Urlaube genutzt wurde. So zog Marcel Schulze im Mai 2025 nach Jomtien, an der Ostküste des Golfs von Thailand, drei Kilometer südlich von Pattaya und 166 Kilometer von Bangkok entfernt.
Das Leben in Thailand
Seit seiner Auswanderung 2023 war Marcel Schulze nicht mehr in Deutschland. Nach einem Streit hat er auch seinen Opa nicht mehr gesehen. Eine Rückkehr kommt für ihn nicht in Frage: „Auf gar keinen Fall. Ich will hier definitiv für immer bleiben. Gerade bereitet mir das Visum einige Schwierigkeiten. Die Visa sind hier immer die größte Hürde. Aktuell habe ich ein Education-Visum: Ich gehe hier zur Schule und lerne unter anderem Thailändisch. Sobald ich alles geklärt habe, beantrage ich ein Visum, mit dem man fünf Jahre bleiben darf. Aber ich möchte hier für immer bleiben.“
Seine Wohnung ist ein echtes Schnäppchen: „Für meine zwei-etagige Wohnung mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer und kleiner Küche zahle ich 300 Euro Miete im Monat. Wenn ich viel verbrauche, kosten mich Wasser fünf Euro, und für den Strom zahle ich 60 Euro im Monat. Das treibt vor allem der Betrieb der zwei Klimaanlagen in die Höhe, die rund um die Uhr laufen.“ Auch die Lebensmittelkosten sind niedrig: „Besonders das einheimische Essen ist extrem günstig. Für eine gute, sättigende Mahlzeit zahlt man ungefähr 1,60 Euro: Reis, Hähnchen, Soße und in kleinen Restaurants sogar kostenloses Wasser. Teurer wird es, wenn man viel Party macht, häufig ausgeht und Pizza, Burger, Spaghetti oder Ähnliches bestellt. Im Vergleich zu Deutschland bleibt das aber günstig. Mit 1500 Euro im Monat lebt man hier richtig gut. Man kann sich eine Wohnung am Meer leisten und genießt gefühlt jeden Tag Sonnenschein“, schwärmt er.
Glückliche Menschen und ein Online-Business
Besonders beeindruckt ist Marcel Schulze von den Menschen: „Ich habe nur glückliche Menschen um mich herum. Thais sind von Natur aus super happy, super offen, super freundlich und zuvorkommend. Sie sind extrem herzlich und wenn man ihnen mit Respekt begegnet, wird man automatisch gut behandelt. Ich habe hier noch nie erlebt, dass jemand mir gegenüber ein Gesicht verzogen hat oder schlecht gelaunt war. Das Land ist einfach nur geil. Ich habe schon so viele tolle Dinge gesehen und erlebt.“ Allerdings müsse man mit dem Klima klarkommen: „Es ist wirklich warm und auch teilweise sehr, sehr schwül durchgehend. Aber auch da gewöhnt man sich dran.“
Um besser Fuß zu fassen, lernt er die Landessprache. Er hält es für wichtig, die Sprache zu beherrschen. Er ist oft mit Thais unterwegs, weil ihn auch ihre Kultur und ihr Leben interessieren. Er sagt: „Ich kann nicht als Deutscher in meinem eigenen Land sitzen und von allen fordern, sie sollen unsere Sprache lernen, aber wenn ich ins Ausland gehe, halte ich mich nicht daran. Das wäre für mich Doppelmoral.“
Der Single finanziert sein Leben mit seinem Online-Business. Er vertreibt digitale Produkte und erklärt in verschiedenen Bereichen, wie man online Geld verdient, YouTube-Kanäle aufbaut und Ähnliches. Auf seiner YouTube-Seite „Erfolg unter Palmen“ folgen ihm 10.000 User. Dort berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen beim Aufbau seines Online-Business.
Tipps für Auswanderer
Welchen Rat gibt er Menschen, die auswandern möchten, aber keine Idee haben, wie sie ihr Leben vor Ort finanzieren sollen? „Denkt an die Zeitverschiebung: Thailand liegt fünf Stunden voraus. Deshalb funktioniert ein Remote-Job oft nicht. Außerdem benötigt man in Thailand eine Arbeitserlaubnis. Ich empfehle ein Online-Business, das weitgehend unabhängig von Ort und Zeit läuft. Das könnt ihr schon aufbauen, bevor ihr auswandert. Dann spielt es keine Rolle, ob ihr in Spanien, Dubai, Thailand, Kolumbien oder sonst wo lebt.“



