Vom Bayerischen Wald in die Arktis: Ein Mann sucht sein Glück auf den Lofoten
Die Polarlichter tanzen regelmäßig über seinem Haus, Elche spazieren am Fenster vorbei und im Meer begegnete er bereits einem majestätischen Orca. Michael Kiefl, ein 34-jähriger Bayer aus Niederbayern, hat sein Leben radikal verändert. Seit fast einem Jahr lebt er in Ballstad, einem kleinen Fischerdorf mit nur 900 Einwohnern auf den Lofoten in Nordnorwegen.
Die Entscheidung für den radikalen Neuanfang
Am 28. April 2025 brach Kiefl gemeinsam mit seiner Verlobten von Steinach im Landkreis Straubing-Bogen auf. Mit dem Wohnmobil durchquerten sie Deutschland, nahmen in Rostock die Fähre nach Schweden und fuhren entlang der Ostküste bis nach Luleå. Von dort führte die Straße direkt auf die Lofoten. Ihre Ankunft in Ballstad datiert auf den 5. Mai 2025.
„Wir wollten etwas Neues ausprobieren“, erklärt Michael Kiefl seine Motivation. Beide seien damals stark durch ihre Arbeit eingespannt gewesen – er selbst war im Sicherheitsgewerbe tätig. Doch es gab noch einen tieferen Grund: „Ich hatte nicht mehr so das Vertrauen in Deutschlands Zukunft“, gesteht der Bayer offen. Die Suche nach alternativen Lebensmöglichkeiten führte das Paar schließlich in den hohen Norden.
Alltag zwischen Fischerbooten und Mitternachtssonne
Über das Internet hatten sich die beiden bereits vorab Jobs als Tourguides beim Arctic Guide Service gesichert. Sie empfangen Kreuzfahrttouristen, zeigen ihnen die Hauptstadt, Strände und Kirchen der Region und unternehmen Bootstouren. Doch Kiefl betont: „Wir sehen uns nicht als Auswanderer, das ist eine Testphase.“
Sein neues Zuhause ist eines der charakteristischen roten Holzhäuser mit direktem Meerblick. „Würde ich jetzt einen Schneeball werfen, würde ich hineintreffen“, beschreibt er die Nähe zum Wasser. Die Ruhe fasziniert ihn: Keine Sirenen, kein Hupen, nur das Rauschen des Meeres und gelegentlich die Rufe der Seeadler, die über dem Dorf kreisen.
Spektakuläre Naturerlebnisse und gesündere Lebensweise
Das eindrucksvollste Erlebnis war für Kiefl die Begegnung mit einem Orca, der knapp vor seinem Fischerboot untertauchte. „Sechs Tonnen Gewicht, zwei Meter Rückenflosse – das Boot fühlte sich an wie eine Nussschale“, erinnert er sich mit einem Schaudern. Kurz darauf tauchte der Meeressäuger wieder auf, ein Moment, den die meisten Menschen nur aus Dokumentationen kennen.
Das Leben auf den Lofoten hat Kiefls Alltag grundlegend verändert. Er verbringt deutlich mehr Zeit draußen und ist häufiger zu Fuß unterwegs. Selbst seine Ernährungsgewohnheiten haben sich angepasst: Der ehemalige Spezi-Junkie musste sich das Süßgetränk abgewöhnen, da es auf den Lofoten nicht verfügbar ist. Dafür genießt er Leitungswasser in bester Qualität – „Touristen kaufen das abgepackt für acht Euro die Flasche“, bemerkt er nicht ohne Stolz.
Herausforderungen und kulturelle Unterschiede
Nicht alles ist ideal in der neuen Heimat. Die Lebenshaltungskosten sind deutlich höher: Eine 0,33-Liter-Dose Bier kostet im Supermarkt fünf Euro, im Restaurant sogar 13 Euro. Im Winter arbeitet Kiefl in einer Fischfabrik, wo der intensive Geruch anfangs eine Herausforderung darstellte. „Die ersten zwei Stunden war ich nur mit Würgen beschäftigt“, gesteht er.
Die Sprache bereitet ebenfalls Schwierigkeiten. „Ich war bisher einfach zu faul zum Lernen“, gibt Kiefl zu. Mit Englisch komme er jedoch gut durch den Alltag. Positiv überrascht hat ihn die politische Kultur: „In Norwegen steht die Politik nicht so im Vordergrund, die Menschen beschweren sich weniger – auch weil es weniger Anlass dazu gibt.“ Mit nur 5,6 Millionen Einwohnern und einem gut funktionierenden Sozialsystem sei die Situation eine andere als in Deutschland.
Zwei Heimatorte und eine ungewisse Zukunft
Was fehlt dem Bayer in seiner neuen Umgebung? „Familie, Freunde und Kollegen – das vermisse ich schon“, gesteht Kiefl. Auch typisch bayerische Backwaren wie Brot, Brezen und Semmeln sind auf den Lofoten Mangelware. Die extremen Lichtverhältnisse fordern ihren Tribut: Während es im Dezember rund um die Uhr dunkel ist, herrscht im Juni permanente Helligkeit. Letzteres bevorzugt Kiefl deutlich – dann mäht mancher Nachbar auch mal um 23:30 Uhr den Rasen, ohne dass sich jemand beschwert.
Ob es ihn in einem Jahr wieder nach Steinach zieht oder er im Fischerdörfchen Ballstad bleibt, ist noch ungewiss. „Wir haben jetzt jedenfalls zwei Dahoams“, resümiert Michael Kiefl philosophisch. Die Testphase auf den Lofoten dauert an – zwischen Polarlichtern, Elchen und der Sehnsucht nach bayerischer Gemütlichkeit.



