Hamburgs Reeperbahn: 400 Jahre im steten Wandel
Die Reeperbahn in Hamburg ist weit mehr als nur die "sündigste Meile der Welt". Die berühmteste Straße der Republik blickt auf eine 400-jährige Geschichte zurück und steckt voller Überraschungen. Wo einst Schiffstaue gefertigt wurden, pulsiert heute ein vielfältiges Kultur- und Amüsierleben.
Von der Seilerei zur Amüsierstraße
Die Historikerin Eva Decker, gebürtige Wienerin und ehemalige wissenschaftliche Leiterin des St. Pauli Museums, kennt die Geschichte der Reeperbahn wie kaum eine andere. Ihre Führung "Reliquien der Reeperbahn" führt zu Originalschauplätzen der wechselvollen Vergangenheit.
"Ab 1626 wurden hier Schiffstaue hergestellt", erklärt Decker. Den Reepschlägern, angesehenen und gut bezahlten Handwerkern, verdankt die Straße ihren Namen. Auf einer Karte von 1786 erscheint die Reeperbahn noch als staubige Landstraße außerhalb der Hamburger Stadtmauern.
Anfänge der Unterhaltungskultur
Bereits 1826 zeigt eine Lithographie "flanierendes Bildungsbürgertum" und im Hintergrund den "Trichter". Dieser schlichte Pavillon entwickelte sich zu einem populären Konzerthaus und markierte die Anfänge der Amüsierkultur auf St. Pauli. Interessanterweise lief das Varieté-Programm sogar während der NS-Zeit weiter, wie historische Fotoalben aus den 1940er Jahren belegen.
Fast zeitgleich entstand auf dem benachbarten Spielbudenplatz, dem "Kulturpflaster St. Paulis", ein Bunker, der nach Kriegsende als Tiefgarage genutzt werden sollte. Heute erinnert in dieser Tiefgarage nur noch ein Schild an die legendäre Esso-Tankstelle, die rund um die Uhr geöffnet hatte.
Wandel des Rotlichtviertels
Die Davidwache, seit 1914 strategisch günstig mitten im Amüsierviertel gelegen, blickt auf "St. Liederlich" - eine Ecke, die bereits in den 1840er Jahren so genannt wurde. Damals entdeckten Seeleute das neu entstandene Hafenviertel, und das Gewerbe expandierte rasch.
Um 1900 reagierte die Stadt und beschränkte Bordelle auf wenige Straßen, von denen die Herbertstraße mit ihren 1933 errichteten Sichtblenden heute die bekannteste ist. Seit 2024 stehen diese Sichtblenden unter Denkmalschutz.
Von Beatles bis Tätowierer
Die Reeperbahn wandelt sich stetig: Immer weniger Rotlicht, immer mehr Musik- und Unterhaltungsprogramm prägen das Bild. Diese Gemengelage lockt Touristen aus aller Welt an - Pärchen und Punker genauso wie Landfrauen-Gruppen und Junggesellenabschiede.
Ein besonderes Kapitel schrieben die Beatles, die 1960 als noch völlig unbekannte Band nach Hamburg kamen. Im Salon Harry, Hamburgs ältestem Herrenfriseur schräg gegenüber der Davidwache, erhielten sie ihre berühmten Pilzköpfe. Noch heute lassen sich hier Bands vor ihren Auftritten auf der Reeperbahn frisieren.
Szene-Größen wie Tätowierer Marco Apfler, der von Kopf bis Fuß tätowiert ist, gehören heute ebenso zum Straßenbild wie das "Zwick" - halb Kneipe, halb Museum mit der weltweit größten Sammlung an Bassgitarren, darunter eine handsignierte von Paul McCartney.
Museum ohne Mauern
Gegen Ende der Tour führt Decker ins Erotic Art Museum, wo Besucher in den ersten Nackedei-Magazinen blättern und Briefe an Domenica Niehoff, Deutschlands prominenteste Prostituierte der 1980er Jahre, lesen können.
Museumsgründer Ekkehart Opitz erklärt die historische Gesetzgebung, die zu Kaisers Zeiten das Ausstellen unzüchtiger Schriften unter Strafe stellte - sein Museum ist voll davon.
Gemeinsam arbeiten Decker und Opitz an einem "Museum ohne Mauern", das die Geschichte der Reeperbahn auch über das Jubiläumsjahr hinaus dezentral erlebbar macht. Die Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag beginnen offiziell am 30. April auf dem Spielbudenplatz.



