Fischer Walter Piehl: Ein Leben mit Karpfen und klaren Worten
Mit festem Griff holt Walter Piehl einen kräftigen Karpfen aus dem Becken auf seinem Hof in Alt Schlagsdorf. Der Fischer mit dem markanten Rauschebart mustert das Tier mit ruhiger Konzentration, bevor er es für den Transport vorbereitet. Dieser Handgriff steht symbolisch für seine gesamte Einstellung: weitermachen, auch wenn die Umstände schwierig werden. Der 69-Jährige führt seit 1993 sein Familienunternehmen und hat in dieser Zeit zahlreiche Herausforderungen gemeistert.
Drei Tonnen Hoffnung: Die Investition in Besatzkarpfen
„Die aktuelle Situation ist wahrlich nicht einfach, aber wir haben keine andere Wahl, als weiterzumachen“, erklärt Walter Piehl entschlossen. Gerade hat er drei Tonnen sogenannte Besatzkarpfen bestellt – eine Investition, deren Früchte sich erst in Monaten oder sogar Jahren zeigen werden. Die Tiere wiegen derzeit zwischen einem und anderthalb Kilogramm und sind damit noch zu klein für den Verkauf. „Sie müssen sich erst gut einleben und ordentlich an Gewicht zulegen“, erläutert der erfahrene Fischer. Die ersten Exemplare plant er für Ende Oktober beim traditionellen Fischerfest anzubieten, doch der Großteil wird deutlich länger in den Gewässern bleiben. Die Fischerei erweist sich einmal mehr als Geschäft der Geduld und langfristigen Planung.
Steigende Kosten und die Realität vor Ort
Die gegenwärtige Krise trifft Walter Piehl besonders hart. Die Betriebskosten sind spürbar gestiegen: „Allein für Diesel habe ich monatlich etwa 1000 Euro Mehrkosten“, rechnet er vor. Doch nicht nur ihn betreffen diese Entwicklungen. „Meine Kunden geben ebenfalls mehr Geld an der Tankstelle aus, das fehlt ihnen dann beim Einkauf an meinem Fischwagen.“ Weitere Ausgaben sind ebenfalls explodiert: Die Anlieferung der Gasflaschen für die Verkaufswagen kostet mittlerweile 49 statt 29 Euro, und die Fracht für eine Palette liegt bei 100 statt früher 60 Euro.
Dennoch bleibt Walter Piehl optimistisch und investiert weiter in seine Zukunft. „Wir haben einen neuen Mitarbeiter eingestellt und ich werde demnächst Besatzaale kaufen und in die Seen einbringen“, berichtet er. Seine Philosophie ist klar: „Eins steht fest: Durch weniger Arbeit können wir den Sozialstaat nicht erhalten.“
Die Märkte schrumpfen: Weniger Kunden, weniger Händler
Die Ernsthaftigkeit der Situation zeigt sich für Walter Piehl besonders auf den regionalen Märkten. Er bereist nahezu ganz Mecklenburg-Vorpommern und sogar angrenzende Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen. „Nicht nur die Kundenzahl nimmt ab, auch die Händler werden weniger“, beobachtet er besorgt. „Viele geben auf, wenn am Monatsende nichts mehr übrig bleibt. Das ist ganz einfache Mathematik.“ Ein Beispiel bleibt ihm besonders im Gedächtnis: Ein Busunternehmer muss seine Tagesfahrten nun für 79 statt früher 49 Euro anbieten. „Wenn dadurch weniger Touristen zu Festen und Veranstaltungen kommen, fehlt uns regionalen Händlern noch mehr Kundschaft“, resümiert Piehl.
Politische Forderungen: Realismus statt leere Versprechen
Walter Piehl nimmt auch politisch kein Blatt vor den Mund. Große Versprechen helfen ihm wenig, betont er. Entscheidend sei, was vor Ort tatsächlich funktioniere. „Die Welt geht uns nichts an. Wir verdienen unser Geld hier und das muss möglich sein“, so seine klare Aussage. Dass er irgendwann seine Preise anpassen muss, ist ihm bewusst. Doch er sieht auch die Grenzen: „Die Menschen brauchen Geld in der Tasche. Sonst geht auch die Wirtschaft baden.“
Von der Politik wünscht er sich vor allem eines: „Realistische Vorschläge wären schön. Denn die Wirtschaft muss funktionieren, damit die Verwaltung bezahlt werden kann. Da nützen uns keine klugen Ratschläge zur E-Mobilität. Ich kann meine Flotte nicht einfach von heute auf morgen umstellen. Und selbst wenn es technisch möglich wäre – wovon soll ich das bezahlen?“
Ein bisschen Zukunft säen
Am Ende des Tages fährt Walter Piehl hinaus zu seinen Seen. Die Karpfen, die er am Vormittag aus dem Becken geholt hat, setzt er behutsam ins Wasser. Einer nach dem anderen gleitet in die Tiefe. „Ein bisschen Zukunft säen“, sagt er mit einem Lächeln. Trotz aller Widrigkeiten bleibt der Fischer aus Alt Schlagsdorf seinem Weg treu: Mit Ausdauer, klaren Worten und dem festen Glauben an seine Arbeit gestaltet er seine Zukunft – ein Karpfen nach dem anderen.



