Liebesperlen: Kult-Süßigkeit aus DDR-Zeiten erobert heute 25 Länder weltweit
Liebesperlen: DDR-Kultsüßigkeit exportiert in 25 Länder

Liebesperlen: Vom DDR-Klassiker zum globalen Exportschlager

Kaum eine Süßigkeit verkörpert deutsche Zeitgeschichte so sehr wie die bunten Liebesperlen aus Görlitz. Diese kleinen Zuckerperlen, die bereits in der DDR-Zeit begehrt waren und massenweise in den Westen exportiert wurden, haben sich zu einem internationalen Erfolgsprodukt entwickelt. Heute werden die Kultperlen in 25 Länder weltweit exportiert und überstanden dabei nicht nur die Wende, sondern auch zwei Weltkriege.

Emotionale Entstehungsgeschichte im Jahr 1908

Die Geschichte der Liebesperlen begann mit einem emotionalen Familienmoment. Rudolf Hoinkis, der bereits 1896 in Görlitz eine Süßwarenfabrik gegründet hatte, brachte am 3. April 1908 seine neueste Erfindung nach Hause: Zuckerperlen ohne Namen. In einem bewegenden Augenblick wandte er sich an seine Familie und sagte: „Ich liebe euch, wie diese Perlen.“ Seine Frau Emilie griff diesen besonderen Moment auf und gab der Kreation ihren bis heute bekannten Namen – Liebesperlen.

Zeitintensive Herstellung mit Tradition

Der Produktionsprozess der Liebesperlen ist ebenso faszinierend wie aufwendig. Die Hersteller investieren rund 120 Stunden, um die kleinen Zuckerwerke in ihre ikonischen Fläschchen abzufüllen. In schräg rotierenden Kupferkesseln werden Traubenzucker-Lösungen gezielt auf Zuckerkerne gesprüht. Schicht für Schicht entstehen so die charakteristischen, farbenfrohen Perlen, von denen 70 Gramm in jede Babyflasche gefüllt werden.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Überlebenskünstler durch politische Umwälzungen

Das Unternehmen bewies bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Es überstand den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die staatliche Enteignung während der DDR-Zeit. Nach der Reprivatisierung im Jahr 1990 übernahm die Familie Hoinkis die Geschäfte wieder und leitete einen erneuten Aufschwung ein. Im Jubiläumsjahr 1996, zum 100-jährigen Bestehen, zog das Unternehmen in moderne Produktionshallen im Gewerbegebiet Görlitz Nord-West um.

Internationaler Erfolg mit 1.200 Tonnen Jahresproduktion

Die Hoinkis Werke beschäftigen heute über 20 Mitarbeiter und produzieren jährlich etwa 1.200 Tonnen der süßen Nascherei. Das Unternehmen exportiert seine Produkte in 25 Länder weltweit, darunter europäische Staaten, arabische Länder und südamerikanische Märkte. Kürzlich entwickelte das Unternehmen sogar Pläne zur Erschließung des israelischen Marktes. Mathias Hoinkis, Geschäftsführer und Vertreter der fünften Generation, erklärt: „Wir nehmen die kulturellen Unterschiede zwar wahr, aber sie halten uns nicht davon ab, voranzugehen. Nur bei der Koscher-Zertifizierung fehlen uns bisher noch Erfahrungen.“

Innovationen und Verpackungsrevolution nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung stand das Unternehmen vor existenziellen Herausforderungen. Die traditionellen Glasfläschchen mit beigegrauen Kartons entsprachen nicht mehr den Marktanforderungen. Senior-Chef Bernd-Christian Hoinkis erinnert sich: „Für uns ging es ums nackte Überleben. Liebesperlen in Glasfläschchen waren wegen der Kinder ungeeignet. Die Nachfrage war da, aber niemand wollte unsere Verpackung.“ Die Rettung kam auf der Süßwarenmesse in Köln, wo das Unternehmen einen Partner für moderne Verpackungen fand.

Heute präsentieren sich die Perlenmischungen in kreativen Verpackungen, die wie Trompeten, Schirme, Malstifte oder Wunderröhrchen gestaltet sind, oft ergänzt durch Schlüsselanhänger, Sammelfiguren und Minibausätze.

Herausforderungen durch Digitalisierung und Marktkonzentration

Die Umstellung auf moderne Kommunikationstechnik stellte das Unternehmen vor zusätzliche Herausforderungen. Mathias Hoinkis berichtet: „In der DDR gab es solche Technik ja nur in sehr begrenztem Umfang, und wir hatten nicht einmal einen Kopierer. Schließlich kauften wir ein Faxgerät, aber wir konnten es nicht anschließen, weil das Kabel nicht zu den vorhandenen Anschlüssen passte.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Heute bereitet die zunehmende Marktkonzentration den Unternehmern Sorgen. Hoinkis kritisiert: „Die Konzentration im Markt nimmt stark zu, und inzwischen dominieren fast ausschließlich Großindustrien. Übertrieben gesagt, entscheiden vier, fünf Leute darüber, was in Europa gegessen wird.“ Mittelständische Unternehmen könnten die hohen Werbekosten kaum noch stemmen, und die Bürokratie erschwere die Arbeit erheblich.

Kulturelle Bedeutung und Rekorde

Die kulturelle Bedeutung der Liebesperlen zeigt sich auch in ungewöhnlichen Projekten. Erhard Rommer, ein Rentner aus Heilbronn, schaffte es mit einem besonderen Kunstwerk ins Guinness-Buch der Rekorde. Er fertigte ein überdimensionales Mosaik aus 33.000 Liebesperlen an, das eine Nachbildung des Wandmosaiks der Kaiserin Theodora mit Gefolge aus dem sechsten Jahrhundert darstellt.

Das Geheimnis des anhaltenden Erfolgs liegt laut Mathias Hoinkis in der Unverwechselbarkeit und dem nostalgischen Flair der Liebesperlen: „Wir haben ein einzigartiges Produkt entwickelt. Jeder kennt und liebt die Liebesperlen, die zu den sogenannten ‚gelernten Produkten‘ gehören.“ Diese emotionale Bindung und die kontinuierliche Anpassungsfähigkeit machen die Liebesperlen zu einem zeitlosen Klassiker, der Generationen verbindet und weltweit begeistert.