Waldenbuch – Beim Schoko-Riesen Ritter Sport beginnt eine neue Ära, die bitter-süß schmeckt. Seit dem 15. Mai führen Moritz Ritter (47) und Tim Hoppe (46) den Traditionshersteller aus Waldenbuch (Baden-Württemberg) als Doppelspitze. Die beiden Cousins sind Urenkel der Gründer Clara und Alfred Ritter. Nun übernehmen sie selbst das Steuer im Familienunternehmen. Der langjährige Chef Andreas Ronken geht nach rund 20 Jahren im Management.
Schmerzhafte Einschnitte angekündigt
Die neuen Bosse sprechen offen von „schmerzhaften Einschnitten“. Erst vor wenigen Wochen kündigte Ritter Sport den ersten Stellenabbau in der mehr als 110-jährigen Firmengeschichte an. Grund: explodierende Kakao-, Energie- und Verpackungspreise sowie Kaufzurückhaltung bei den Kunden.
„Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden, selbst Verantwortung zu übernehmen“, erklären Ritter und Hoppe. Moritz Ritter lobt seinen Vorgänger dennoch ausdrücklich: „Wir haben großen Respekt vor dieser Leistung in erfolgreichen wie in herausfordernden Zeiten.“
Die neuen Chefs im Porträt
Moritz Ritter ist diplomierter Informatiker und seit 2009 im Familienunternehmen. Er ist außerdem Beiratsvorsitzender der Ritter Solartechnik und der Ritter Energie. Sein Cousin Tim Hoppe ist Diplom-Betriebswirt und seit 2011 im Familienunternehmen tätig. Seit 2017 ist er Geschäftsführer der Ritter Agrar. Den Beiratsvorsitz, den beide derzeit innehaben, übernimmt künftig Linda Dauriz.
Umstrittene Schoko-Lieferungen nach Russland
Doch die neuen Ritter-Sport-Chefs stehen nicht nur wegen Sparmaßnahmen unter Druck. Bis heute liefert das Unternehmen weiter Schokolade nach Russland – trotz Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Eine Entscheidung, die seit Jahren für Empörung sorgt.
Der frühere ukrainische Botschafter hatte Ritter Sport einst mit dem Satz „Quadratisch. Praktisch. Blut.“ attackiert. Ein Shitstorm folgte. Moritz Ritter erinnert sich: „Das hat uns emotional extrem getroffen, zumal es auch Drohungen gegen uns gab.“
Begründung für das Russland-Geschäft
Trotz der Kritik bleibt das Unternehmen hart: „Es war eine sehr harte Entscheidung, aber wir würden sie wieder so fällen“, sagte Ritter in einem Interview mit der „Zeit“ vor einem Jahr. Seine Begründung: „Der Krieg Russlands ist ein gewaltiges Unrecht. Aber es geht bei uns um Schokolade, und gegen Lebensmittel gab und gibt es keine Sanktionen.“
Zudem gab das Unternehmen noch vor zwei Jahren auch diesen Grund an: „Die Lieferungen nach Russland einzustellen hätte den Verlust von 150 bis 200 Arbeitsplätzen sowie Kurzarbeit für viele weitere Beschäftigte hier zur Folge. Russland ist nach Deutschland unser wichtigster, das heißt größter, Markt.“ Ein Argument, das zwei Jahre danach aufgrund der sich veränderten Marktlage (explodierende Kakao-, Energie- und Verpackungspreise sowie Kaufzurückhaltung bei den Kunden) nicht mehr zieht. Der Stellenabbau kommt nun doch.
Ritter Sport spendet nach eigenen Angaben die Gewinne aus Russland an Hilfsorganisationen. Moritz Ritter: „Wir werden wegen Schokolade an den Pranger gestellt“. Dabei finde er es viel bedenklicher, dass „Deutschland kubikmeterweise Gas aus Russland gekauft hat, auch noch nach Kriegsbeginn, und über Umwege bis heute bezieht“.



