Die Sober-Community in Berlin wächst: Nüchternheit wird zum Trend
In Berlin zeichnet sich ein kultureller Wandel ab: Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für ein Leben ohne Alkohol. Die sogenannte Sober-Community, die Nüchternheit als modernen und ästhetischen Lebensstil zelebriert, gewinnt vor allem bei jungen Erwachsenen an Zulauf. Was früher als langweilig galt, wird heute als cooles Persönlichkeitsmerkmal inszeniert.
Eine persönliche Entscheidung mit weitreichenden Folgen
Vor fünf Jahren erlebte Svenja Rossig nach einer durchzechten Partynacht eine schwere Panikattacke. „Das war so gruselig, dass ich von einem auf den anderen Tag aufgehört habe zu trinken“, erinnert sie sich. Seither hat sie keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Zuvor gehörte täglicher Alkoholkonsum zu ihrem Alltag, während des Studiums trank sie manchmal allein eine Flasche Wein am Abend. Mehrere Krankenhausaufenthalte waren die Folge. „Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass mein Konsum in eine ganz falsche Richtung läuft“, sagt sie rückblickend. Die folgenschwere Partynacht war ihr Moment, die Reißleine zu ziehen.
Der Verzicht fiel ihr von Anfang an leicht, doch im Freundeskreis und auf Veranstaltungen fühlte sie sich oft als Außenseiterin. Vor fünf Jahren haftete dem Nüchternsein noch das Stigma der Langeweile an. „Ich hätte mir damals gewünscht, dass mehr Leute online darüber reden, dass Sober-Sein eigentlich ziemlich cool ist“, sagt sie.
Social Media als Plattform für die Sober-Bewegung
Rossig beschloss, diese Lücke selbst zu schließen. Seit knapp eineinhalb Jahren teilt sie auf Instagram Videos mit Fakten über die körperlichen Gefahren von Alkohol, Rezepte für Mocktails und Tipps für einen gesunden Umgang mit Alkohol. Sie gründete den „Sober Brunch Club“ in Berlin und organisiert Veranstaltungen, bei denen Menschen zusammenkommen, die wenig oder keinen Alkohol trinken. Mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „In meiner alkoholfreien Ära“ macht sie auf ihre Community aufmerksam. Mehr als 16.000 Menschen folgen ihr auf Instagram.
Auch der Content-Creator Lukas Klug zeigt auf der Plattform, wie das Partyleben in Berlin ohne Alkohol und Drogen funktioniert. Ein Video von ihm über die Entnormalisierung von Drogen, zu denen er explizit Alkohol zählt, hat über 25.000 Likes. Dies spiegelt ein wachsendes Interesse an einem abstinenten Leben wider – ein Trend, der deutschlandweit zu beobachten ist.
Zahlen belegen den Trend: Weniger Alkoholkonsum in Berlin
Konkrete Zahlen für Berlin liegen nicht vor, doch das Statistische Bundesamt zeigt, dass der Bierabsatz in Berlin und Brandenburg 2025 um 11,8 Prozent gefallen ist – fast doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt. Laut YouGov trinken vor allem junge Erwachsene (ab 1997 geboren) weniger Alkohol. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) verzeichnet einen Rückgang des regelmäßigen Alkoholkonsums von über 40 Prozent (2004) auf knapp unter 30 Prozent heute. Der Pro-Kopf-Konsum sank von 11,7 Litern (2012) auf 10,5 Liter (2024), der Bierkonsum von über 115 Litern (2005) auf 88 Liter (2024).
Gleichzeitig boomen alkoholfreie Alternativen: Die Produktion von alkoholfreiem Bier hat sich in zehn Jahren mehr als verdoppelt, und der Kauf von alkoholfreiem Wein stieg 2025 um 44 Prozent. „Wir leben in einer Zeit, in der Gesundheit und Langlebigkeit im Trend liegen“, sagt Rossig. „Es ist cool, und deswegen machen das viele Leute.“
Berliner Clubs und Bars reagieren auf den Wandel
Die Berliner Clubszene passt sich an. Emiko Gejic von der Berliner Clubcommission berichtet von sogenannten Sober Raves – alkoholfreien Techno-Partys – und Veranstaltungen, bei denen sich Wellness mit Raven verbindet, wie Sauna-Raves in Fitnessstudios. „Es ist normal, dass sich Gesellschaft und Community verändern. Wir als Betriebe reagieren darauf“, sagt Gejic. Die Getränkeauswahl in Clubs und Bars erweitert sich um alkoholfreie Biere, Weine, Gins und Aperitifs.
Dennoch sind Sober-Veranstaltungen noch nicht flächendeckend, und der allgemeine Alkoholkonsum in Deutschland bleibt im internationalen Vergleich hoch. Tobias Schwarz vom BIÖG betont, dass der Rückgang von einem sehr hohen Niveau ausging. Dennoch ist die Veränderung stetig und seit Jahrzehnten zu beobachten. „Veränderung ist leichter in Gemeinschaft. Es gibt heutzutage in Berlin für fast alles eine Community – jetzt eben auch für das alkoholfreie Leben“, sagt Rossig.



