Sozialer Status und Krebsrisiko: Unterschiede im Lebensstil spielen eine wichtige Rolle
Die Zahl der Krebsneuerkrankungen in Deutschland sinkt, aber in benachteiligten Regionen langsamer. Ein Gespräch mit Epidemiologin Lina Jansen über Ursachen und Lösungen.
Frau Jansen, Sie haben in einer Studie festgestellt, dass die Krebsinzidenz in Deutschland seit Jahren zurückgeht. Gilt das auch für sozioökonomisch schwächere Gruppen?
Tatsächlich ist die altersbereinigte Zahl der Krebsneuerkrankungen insgesamt gesunken, besonders zu Beginn der Covid-19-Pandemie. Auch in sozial benachteiligten Gruppen ist ein Rückgang zu beobachten. Unsere Analysen zeigen jedoch, dass dieser Rückgang in Regionen mit höherer sozioökonomischer Deprivation weniger stark ausgeprägt war als in besser gestellten Regionen. Dadurch haben sich die Unterschiede in der Krebsinzidenz im Laufe der Zeit sogar vergrößert. Das bedeutet: Auch wenn die Raten insgesamt sinken, bleibt das Krebsrisiko für sozioökonomisch benachteiligte Gruppen im Vergleich weiterhin höher.
Ursachen für die unterschiedliche Entwicklung
Die Gründe für diese Ungleichheit sind vielfältig. Eine zentrale Rolle spielen Unterschiede im Lebensstil: Rauchen, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht treten in benachteiligten Gruppen häufiger auf. Auch der Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen und medizinischer Versorgung ist oft eingeschränkt. Hinzu kommen psychosoziale Belastungen wie Stress und finanzielle Sorgen, die das Krebsrisiko ebenfalls beeinflussen können.
Mögliche Gegenmaßnahmen
Um die wachsende Kluft zu verringern, sind gezielte Maßnahmen erforderlich. Dazu gehören aufsuchende Präventionsangebote in benachteiligten Stadtteilen, niedrigschwellige Vorsorgeprogramme und eine bessere Aufklärung über gesundheitsfördernde Verhaltensweisen. Auch die Stärkung des Gesundheitssystems in strukturschwachen Regionen kann dazu beitragen, die Ungleichheit zu reduzieren. Wichtig ist ein ganzheitlicher Ansatz, der soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Faktoren gleichermaßen berücksichtigt.
Die Forschung zeigt: Nur wenn alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen von Fortschritten in der Krebsprävention und -früherkennung profitieren, kann die Gesamtzahl der Neuerkrankungen nachhaltig gesenkt werden.



