Die Deutsche Bahn verschiebt die Wiedereröffnung der Strecke Hamburg-Berlin auf unbestimmte Zeit. Offiziell begründet der Konzern die Verzögerung mit dem Winter: Eis und Schnee hätten die Arbeiten ungewöhnlich lange behindert. Die 278 Kilometer lange Baustelle sollte ursprünglich am 30. April nach neun Monaten wieder für Fahrgäste freigegeben werden. Ein neuer Termin steht noch nicht fest; erst am 13. März soll ein Konzept mit den Bauunternehmen vorgestellt werden.
DB-Planungsvorstand Gerd-Dietrich Bolte und Projektleiter Julian Fassing bezeichnen die vergangenen sechs Wochen als verlorene Zeit. Als Puffer waren nur zwei bis drei Wochen Verzug eingeplant. „Jetzt beginnt die Aufholjagd“, so Bolte. Mit mehr Monteuren, die parallel rund um die Uhr arbeiten sollen. Doch auch weiterhin seien Frost und Schnee an vielen Orten der größte Feind der Bahn. „Noch passiert fast nichts draußen“, so Bolte.
Die Verzögerung hat Folgen für die gesamte Korridorsanierung. Am 1. Mai sollten eigentlich die Arbeiten auf der Strecke Hannover-Hamburg beginnen. Doch solange zwischen Hamburg und Berlin gebaut wird, kann diese Verbindung nicht gesperrt werden. Eine Verspätung auf zwei Strecken, die Kosten verursacht. Wie viel, dazu kann die Bahn noch nichts sagen. Aktuell sind 2,2 Milliarden Euro für das Projekt veranschlagt. Bei der Riedbahn, die mit knapp 70 Kilometern etwa ein Viertel der Strecke misst, stiegen die Baukosten von anfangs 500 Millionen auf mittlerweile 1,5 Milliarden Euro.
Ursprünglich sollten bis 2031 die wichtigsten Strecken saniert werden. Die DB hat die Frist mittlerweile auf 2036 verschoben. Das Konzept der Korridorsanierung wird daher von allen Seiten kritisiert. Auch, weil auf der Strecke Hamburg-Berlin weniger verbaut wird als angekündigt: Auf das moderne Zugsicherungssystem ETCS wird verzichtet. Bei der Riedbahn, wo ETCS verbaut wurde, ist das System über ein Jahr später immer noch nicht vollständig in Betrieb.
Für Pendler ist die verspätete Inbetriebnahme ein Ärgernis. In Wittenberge, das auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin liegt, hat sich die Fahrzeit in die Hauptstadt seit August von anderthalb auf mindestens drei Stunden verdoppelt. Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos) bezeichnet die Verspätung als „ein Desaster“. Er habe aus den Medien davon erfahren. Lukas Iffländer vom Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert die mangelnde Transparenz: „Unsicherheit ist für uns Fahrgäste immer das größte Übel, weil man damit nicht planen kann.“ Auch Grünen-Politiker Matthias Gastel, Mitglied im Verkehrsausschuss des Bundestags, zeigt sich irritiert, da „die Deutsche Bahn vor einer Woche noch jegliche Probleme abstritt“.



