Förderzentrum Hören in Güstrow feiert 75-jähriges Jubiläum
Das Überregionale Förderzentrum für Hören und Kommunikation in Güstrow begeht am 12. März sein 75-jähriges Bestehen. Diese bedeutende Bildungseinrichtung Mecklenburg-Vorpommerns unterrichtet aktuell rund 200 Schüler direkt vor Ort und betreut zusätzlich etwa 600 weitere Schüler in Regelschulklassen landesweit durch Beratung und Unterstützung. Schulleiter Daniel Stockheim, der seit zwei Jahren die Leitung innehat, betont die Bedeutung einer guten Öffentlichkeitsarbeit für die oft wenig beachtete Institution.
Von der Gehörlosenschule zum modernen Förderzentrum
Gegründet wurde die Einrichtung im Jahr 1951 in der DDR als Gehörlosenschule. Heute bietet sie individuelles Lernen in kleinen Klassen mit maximal neun Schülern von der ersten bis zur zehnten Klasse. Während Kinder mit Hörbeeinträchtigungen in der Grundschule oft noch gut zurechtkommen, wird der Schulalltag mit dem Wechsel in die Orientierungsstufe ab Klasse 5 deutlich herausfordernder, da die Lautstärke in Regelschulklassen zunimmt.
Nach dem Abschluss der zehnten Klasse stehen den Schülern verschiedene Wege offen: Sie können entweder am Spezialgymnasium in Berlin das Abitur ablegen und anschließend studieren oder eine Berufsausbildung absolvieren. Für Marla, Matthias, Leo und Gabriel aus der Klasse 10A steht bereits fest, dass sie ihr Abitur an der Margarethe-von-Witzleben-Schule in Berlin-Friedrichshain machen werden. Marla strebt eine Karriere als Tierärztin an, während Matthias ein Studium im Bereich Kunst und Technik ins Auge fasst.
Technische Hilfen und ihre Grenzen
Alle sechs Jugendlichen der Klasse 10A nutzen entweder Hörgeräte, die den Schall entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen verstärken, oder Cochlea-Implantate. Letztere sind elektronische Innenohrprothesen für hochgradig schwerhörige oder gehörlose Menschen, bei denen konventionelle Hörgeräte nicht ausreichen. Diese Implantate umgehen beschädigte Teile des Innenohrs und stimulieren den Hörnerv direkt über elektrische Impulse, was das Erlernen oder Wiedererlernen von Sprache und Hören ermöglicht.
Dennoch betont Schulleiter Stockheim eine entscheidende Einschränkung: „Etwa 50 Prozent unserer Schüler haben keine periphere Hörschädigung, sondern eine auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung.“ Bei diesen Schülern ist das Gehör intakt, doch das Gehirn kann Schallreize nicht korrekt verarbeiten. Sie haben Schwierigkeiten, Sprache von Hintergrundgeräuschen zu unterscheiden, Laute zu differenzieren oder sich Gehörtes zu merken, insbesondere bei längeren Sätzen. Für sie sind Hörgeräte und Implantate nutzlos, und sie kommunizieren ausschließlich über Gebärdensprache.
Gebärdensprache als zentraler Bestandteil der Schulkultur
Daher ist das Erlernen der Gebärdensprache ein fester Bestandteil der Schulkultur am Förderzentrum. Bio- und Chemielehrerin Verona Meier setzt neben der Lautsprache konsequent auch Gebärdensprache im Unterricht ein. Bis auf Anna, die diese erst seit kurzem lernt, beherrschen alle Schüler am Förderzentrum die Gebärdensprache fließend. Anna verlor ihr Gehör erst vor etwa einem Jahr durch mehrere Mittelohrentzündungen, nachdem sie zuvor die Regionale Schule „Thomas Müntzer“ in Güstrow besucht hatte.
Ein bewegendes Beispiel für den Lebensweg ehemaliger Schüler bietet Pia Petersen, geborene Neumann. Sie war von Geburt an taub und besuchte von 1987 bis 1998 die Gehörlosenschule in Güstrow. In der DDR wurden taube Kinder wie sie ab dem Alter von zwei Jahren oft in Internaten untergebracht, da den Behörden gehörlosen Eltern nicht zugetraut wurde, ihre Kinder angemessen zu erziehen. Pia musste daher die an die Schule angegliederte Kinderkrippe und Kita besuchen, ohne tägliche Transportmöglichkeiten zu ihrer Familie in Rostock.
Erfolgsgeschichte und aktuelle Entwicklungen
Doch Pia Petersen meisterte ihren Weg: Sie besuchte das Berufskolleg in Essen, studierte und arbeitet heute als Sonderpädagogin am Landesförderzentrum für Hörgeschädigte in Schleswig-Holstein. Zudem ist sie verheiratet und Mutter von drei Kindern. Ihr Lebensbericht beim Festakt zum 75. Geburtstag wurde von den Anwesenden, darunter Landrat Sebastian Constien, Staatssekretär Tom Scheidung und Bürgermeister Sascha Zimmermann, mit viel Beifall gewürdigt – in Gebärdensprache durch Händewackeln in der Luft.
Landrat Constien dankte den engagierten Lehrkräften des Förderzentrums, zu denen 75 Lehrkräfte vor Ort und 30 weitere Pädagogen gehören, die Lehrer an anderen Schulen in Mecklenburg-Vorpommern beraten. Passend zum Jubiläum überreichte er auch Geschenke: Der Kreistag hat einer außerplanmäßigen Ausgabe von 130.000 Euro zugestimmt, um in den Sommerferien den 30 Jahre alten Spielplatz der Schule zu erneuern. Zudem können in den Osterferien vier neue Jugendbänke aufgestellt werden.
Das Förderzentrum Hören und Kommunikation in Güstrow steht somit nicht nur für eine lange Tradition, sondern auch für kontinuierliche Entwicklung und die unverzichtbare Integration von Gebärdensprache in den Schulalltag, um allen Schülern gerecht zu werden.



