Revolution im Sportunterricht: KI-Tool soll Benotung gerechter gestalten
Fünf engagierte Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums an der Willmsstraße in Delmenhorst haben ein innovatives Projekt ins Leben gerufen, das den Sportunterricht grundlegend verändern könnte. Unter dem Namen „SkillFIT“ entwickeln sie ein KI-basiertes Tool, das Lehrkräfte dabei unterstützen soll, sportliche Leistungen individuell und fair zu bewerten.
Persönliche Erfahrungen als Ausgangspunkt
Die Motivation für das Projekt entspringt persönlichen Erfahrungen. „Ich bin mit einer neurologischen Bewegungsstörung zur Welt gekommen“, berichtet eine der beteiligten Schülerinnen. Eine frühkindliche Hirnschädigung beeinträchtige ihre Muskelkontrolle und Koordination nachhaltig. Trotz größter Anstrengungen im Sportunterricht sei ihre Leistung stets an starren Maßstäben gemessen worden, die ihre individuellen Voraussetzungen nicht berücksichtigten.
Diese Erfahrung teilten mehrere Jugendliche, die sich daraufhin zusammenschlossen. „Ich bekam das Gefühl, dass der Sportunterricht einfach grundlegend nicht für mich gemacht war“, erklärt die Schülerin weiter. Dabei sollte das Fach eigentlich Freude an Bewegung vermitteln und motivieren.
Von der Mittagspause bis zu Olympia
Die Idee zu „SkillFIT“ entstand während einer Schulmittagspause, als die Jugendlichen vom Samsung-Innovationswettbewerb „Solve for Tomorrow“ erfuhren. Dieser sucht nach technologischen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Über mehrere Monate entwickelten die Schüler ihr Konzept weiter, unterstützt durch Workshops und Mentoren.
Ihr Engagement wurde sogar auf internationaler Ebene gewürdigt: In dieser Woche präsentierten die Jugendlichen ihr Projekt im Deutschen Haus bei den Olympischen Winterspielen in Cortina – eine besondere Anerkennung für ihre innovative Arbeit.
Das Konzept hinter SkillFIT
Das KI-Tool verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz als traditionelle Bewertungssysteme:
- Statt starrer Tabellen und Normwerte steht der individuelle Fortschritt im Mittelpunkt
- Zeiten, Wiederholungen und Ausdauerwerte werden im Verhältnis zu persönlichen Voraussetzungen bewertet
- Verschiedene Ausgangslagen wie neurologische Bewegungsstörungen oder vorübergehende Einschränkungen werden berücksichtigt
- Entscheidend ist die Frage: „Gibt die Person das, was sie erreichen könnte?“
„Wir wollen die Lehrer nicht ersetzen“, betont eine Schülerin. „Es ist kaum möglich, 30 Schülerinnen und Schüler gleichzeitig im Blick zu behalten und jedem eine faire Note zu geben.“ Das System soll lediglich unterstützen, nicht entscheiden. Der Zugriff auf die Daten bleibt ausschließlich der Lehrkraft und der jeweiligen Schülerin oder dem Schüler vorbehalten.
Herausforderungen zwischen Schulalltag und Projektarbeit
Die Entwicklung von „SkillFIT“ findet parallel zum regulären Schulbetrieb statt. „Wir schreiben nächstes Jahr Abitur“, erklärt ein beteiligter Schüler. Viele der Jugendlichen haben zusätzliche Verpflichtungen wie Nebenjobs oder sportliches Training. Regelmäßige Treffen gestalten sich daher schwierig, vor wichtigen Präsentationen arbeiten sie sogar an Wochenenden.
Unterstützung erhalten sie dabei von ihrer Schule: Lehrkräfte und Schulleitung ermöglichen es ihnen, während des Unterrichts Räumlichkeiten für Projektarbeit zu nutzen. Diese Begleitung habe maßgeblich zur Weiterentwicklung der Idee beigetragen.
Zukunftsperspektiven und gesellschaftliche Relevanz
Ob und wann „SkillFIT“ im regulären Schulalltag eingesetzt werden kann, bleibt aktuell noch offen. Für das Team steht zunächst die weitere Ausarbeitung des Konzepts im Vordergrund. Ihr Ansatz trifft jedoch auf ein gesellschaftlich relevantes Problem: Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation von 2019 gelten mehr als 80 Prozent der Schulkinder als körperlich inaktiv.
Die Jugendlichen sind überzeugt: Sportunterricht sollte Teil der Lösung sein, statt für manche Schülerinnen und Schüler zum Ort von Frust und Demotivation zu werden. Ihr Projekt verfolgt daher ein klares Ziel: Nicht alle sind gleich schnell – aber jeder kann wachsen und individuelle Fortschritte machen, die sichtbar und gewürdigt werden sollten.
Die fünf Schülerinnen und Schüler aus Delmenhorst zeigen mit ihrem Engagement, wie technologische Innovationen dazu beitragen können, Bildungsbereiche gerechter und inklusiver zu gestalten. Ihr Projekt „SkillFIT“ könnte nicht nur den Sportunterricht revolutionieren, sondern auch ein Vorbild für andere Fächer sein, in denen individuelle Entwicklung stärker berücksichtigt werden sollte.



