Politikunterricht schon für Grundschüler: Oldenburger Professor fordert frühere politische Bildung
Ab welchem Alter sollten Schülerinnen und Schüler systematisch mit politischer Bildung in Kontakt kommen? Ein renommierter Politikdidaktik-Professor aus Oldenburg vertritt eine eindeutige Position: Politische Bildung gehört bereits in die Grundschule.
Kinder haben bereits politische Vorstellungen
Professor Tonio Oeftering von der Universität Oldenburg betont im Gespräch mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, dass Kinder viel früher politische Konzepte entwickeln, als allgemein angenommen wird. „Kinder haben längst Vorstellungen von Macht, Gerechtigkeit oder Krieg, bevor sie überhaupt formellen Politikunterricht erhalten“, erklärt der Experte. Sie seien durch verschiedene Kanäle mit politischen Themen konfrontiert:
- Nachrichtenkonsum im familiären Umfeld
- Diskussionen innerhalb der Familie
- Aktivitäten in sozialen Medien
Oeftering warnt davor, dass Schulen dieses wichtige Feld anderen Sozialisationsinstanzen überlassen, wenn politischer Fachunterricht erst im Teenageralter beginnt.
Kindgerechte Aufbereitung politischer Themen
Der Professor betont, dass es bei früher politischer Bildung nicht um komplexe Parteiprogramme geht, sondern um grundlegende Fragen, die Kinder ohnehin stellen:
- Was ist eigentlich gerecht?
- Warum gibt es Kriege auf der Welt?
- Weshalb können nicht alle Kinder zur Schule gehen?
„Die Schule sollte Kindern helfen, diese Fragen einzuordnen und zu verstehen“, so Oeftering. Thematisch könne man kindgerecht über Mitbestimmung, Kinderrechte oder verschiedene Lebensformen sprechen.
Demokratie muss aktiv gelernt werden
Der Oldenburger Professor kritisiert die aktuelle Gewichtung politischer Bildung im niedersächsischen Schulsystem. Politikunterricht mache je nach Schulform lediglich zwei bis drei Prozent der Unterrichtszeit aus. „Und trotzdem erwarten wir von der Schule, dass sie mündige Bürgerinnen und Bürger hervorbringt. Das passt einfach nicht zusammen“, argumentiert Oeftering.
Seine zentrale These: „Demokratie ist keine Staatsform, die sich selbst erhält. Sie muss aktiv gelernt und kontinuierlich eingeübt werden.“ Die Behauptung, Kinder müssten zunächst nur rechnen und schreiben lernen, greife daher deutlich zu kurz.
Wachsende Radikalisierung als Warnsignal
Oeftering verweist auf besorgniserregende gesellschaftliche Entwicklungen: „Wir beobachten seit Jahren wachsende rechtsextreme Einstellungen, auch unter jüngeren Wählergruppen.“ Kinder würden in sozialen Medien immer früher mit radikalen Narrativen und Ideologien konfrontiert.
Aus dieser Beobachtung heraus zeigt sich der Politikdidaktiker zunehmend offen für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren. „Wir akzeptieren Altersgrenzen bei Filmen selbstverständlich. Warum sollten Kinder dann ungefiltert alles auf Plattformen wie TikTok oder YouTube konsumieren dürfen?“ Ein solches Verbot allein löse zwar nicht alle Probleme, aber die derzeitige Ungeschütztheit junger Nutzer halte er für höchst problematisch.
Die Forderung nach früher politischer Bildung stellt somit eine präventive Maßnahme dar, um Kinder gegen extremistische Einflüsse zu wappnen und demokratische Grundwerte von klein auf zu verankern.



