Schulschwänzen in Thüringen: Anstieg der unentschuldigten Fehlzeiten
Im Freistaat Thüringen bleibt das Problem des unentschuldigten Schulschwänzens weiterhin bestehen. Nach aktuellen Angaben des Bildungsministeriums fehlten im vergangenen Schuljahr etwa sieben Prozent aller Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen ohne gültige Entschuldigung im Unterricht. Diese Zahl entspricht exakt dem Wert aus dem Schuljahr 2023/24 und zeigt eine deutliche Steigerung gegenüber früheren Jahren.
Langfristiger Anstieg der Fehlzeiten
Die Entwicklung der vergangenen Jahre verdeutlicht einen besorgniserregenden Trend. Während im Schuljahr 2022/23, das noch von den Nachwirkungen der Corona-Pandemie geprägt war, 6,3 Prozent der Schüler unentschuldigt fehlten, lag der Anteil im Schuljahr 2014/15 bei lediglich 3,5 Prozent. Besonders alarmierend ist der Anstieg bei längeren Fehlzeiten: Zwei Prozent der rund 210.000 Schüler an allgemeinbildenden Schulen blieben im vergangenen Schuljahr mindestens elf Tage oder mehr unentschuldigt dem Unterricht fern. Vor zehn Jahren betrug dieser Wert nur 0,9 Prozent.
Unterschiede zwischen Schularten und Definitionen
Das Bildungsministerium unterscheidet bei den Fehlzeiten nicht nur nach Dauer, sondern auch nach Schulart. An Regelschulen lag der Anteil der unentschuldigt fehlenden Schüler zuletzt bei 14,2 Prozent, während an Gymnasien nur 2,4 Prozent betroffen waren. Die Behörde definiert dabei verschiedene Kategorien: Ab elf unentschuldigten Fehltagen spricht man von beständigem Fehlen, ab 20 Tagen von massivem Fehlen und ab 40 Tagen von permanentem Fehlen.
Ursachen für das Schulschwänzen
Laut Ministerium gibt es zahlreiche Gründe, warum Schüler dem Unterricht fernbleiben. Dazu zählen:
- Finanzielle Probleme im Elternhaus
- Schwierige familiäre Situationen
- Versagensängste und Leistungsdruck
- Furcht vor Mitschülern oder Lehrern
- Konflikte im Freundeskreis
- Negatives Schulklima
- Lebensferner Unterricht
Ben Kottek, stellvertretender Vorsitzender der Landesschülervertretung Thüringen, ergänzt: „Der Notendruck und dass alles bewertet wird, was man in der Schule tut, gehört dazu.“ Viele Schüler sähen im Schwänzen einen Ausweg aus dieser belastenden Situation.
Psychische Belastungen als zentraler Faktor
Kottek betont, dass die psychische Belastung für Schüler in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. „Social Media und Cybermobbing, das gab es in der Zeit vor dem Internet schlicht nicht. Dazu kommt Stress durch Kriege und andere belastende Inhalte, die man im Internet sieht“, erklärt der Gymnasiast. Auch Spätfolgen der Corona-Pandemie, während der es zeitweise keinen regulären Präsenzunterricht gab, spielen eine Rolle.
Maßnahmen und Lösungsansätze
Der Schülervertreter fordert eine bessere Aufklärung über psychische Erkrankungen in der Schule und mehr Informationen über Hilfsangebote. Dies könne im Ethik- oder Sozialkundeunterricht geschehen. Zudem seien mehr Schulpsychologen notwendig – aktuell kommt in Thüringen ein Schulpsychologe auf etwa 5.000 Schüler.
Das Bildungsministerium betont, dass es keine Pauschallösung gebe. Jeder Fall von chronischem Schulschwänzen müsse individuell betrachtet werden, wobei der Fokus nicht auf Sanktionen, sondern darauf liege, betroffene Schüler wieder für den Unterricht zu gewinnen. „Alle sollen merken: Ich bin wichtig“, heißt es in einem Empfehlungsschreiben des Ministeriums.
Rechtliche Konsequenzen bei Schulpflichtverletzung
In Thüringen gilt die allgemeine Schulpflicht. Wer beharrlich ohne triftigen Grund dem Unterricht fernbleibt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Dies gilt auch für Eltern, die ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen. In solchen Fällen können Geldbußen bis zu 1.500 Euro verhängt werden, wobei die genaue Höhe von der Anzahl der unentschuldigten Fehltage abhängt.
Im Extremfall sieht das Thüringer Schulgesetz sogar vor, Schulschwänzer mit Zwang in die Schule zu bringen. Diese Maßnahme ist jedoch nur zulässig, wenn alle pädagogischen Mittel, persönliche Beratungen und die Hilfe des Jugendamtes erfolglos geblieben sind und Aussicht besteht, dass der betroffene Schüler dadurch nachhaltig den Unterricht besuchen wird.



