Thüringen startet Pilotprojekt: Verfassungsviertelstunde an Schulen
Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres erproben 22 Thüringer Schulen die sogenannte Verfassungsviertelstunde. In einer der ersten Unterrichtsstunden stand Bildungsminister Christian Tischner (CDU) persönlich vor einer achten Klasse einer Regelschule in Arnstadt. Die Schülerinnen und Schüler diskutierten mit dem Minister über das Für und Wider von Altersbeschränkungen für soziale Medien.
Debatte über Zugang zu TikTok, Snapchat und Instagram
Während der lebhaften Diskussion zeigten sich einige Jugendliche offen dafür, den Zugang zu Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram erst ab einem Alter von 14 oder 16 Jahren zu gewähren. Eine Schülerin fragte den Bildungsminister konkret nach den Kontrollmöglichkeiten solcher Beschränkungen. Tischner verwies auf die Verantwortung der Anbieter, gesetzliche Regelungen umzusetzen, etwa durch Apps zur Altersverifikation. Gleichzeitig räumte er ein, dass solche Beschränkungen umgangen werden könnten, wenn Eltern ihre Accounts zur Verfügung stellen.
Ziele des neuen Unterrichtsformats
Die Verfassungsviertelstunde soll an Thüringer Schulen regelmäßig Raum für Diskussionen über gesellschaftlich relevante Themen aus der Lebenswelt der Schüler bieten. Nach Angaben des Bildungsministeriums können dabei folgende Themen behandelt werden:
- Meinungsfreiheit und digitale Öffentlichkeit
- Gleichberechtigung und politische Teilhabe
- Erinnerungskultur und Menschenrechte
- Abwägung zwischen Grundrechten im Netz
In Arnstadt sprach Tischner mit den Jugendlichen auch darüber, wie im Internet verschiedene Verfassungsnormen aufeinandertreffen. Dabei betonte er die Bedeutung respektvollen Austauschs: „Jeder hat das Recht, zu sagen, was er denkt, aber das Ganze darf nicht so weit gehen, dass ich jemand anderen verletze, einschüchtere, beleidige.“
Politische Kritik am Konzept
Das Unterrichtsformat ist in Thüringen nicht unumstritten. Der AfD-Bildungspolitiker Denny Jankowski kritisierte die Gesprächsrunden als „blinden Aktionismus“ ohne Mehrwert gegenüber dem regulären Sozialkundeunterricht. Auch die Linke-Bildungspolitikerin Ulrike Grosse-Röthig äußerte Bedenken und forderte mehr Zeit, Ressourcen und Unterstützung für politische Bildung im Schulalltag.
Ausweitung des Modells geplant
Thüringen ist das erste ostdeutsche Bundesland, das die Verfassungsviertelstunde einführt. Bildungsminister Tischner plant, das Modell ab dem Schuljahr 2026/2027 auf weitere Schulen auszuweiten. Bayern hatte bereits vor einiger Zeit ein ähnliches Format etabliert. Der ehemalige Lehrer Tischner betonte die Bedeutung solcher Diskussionsräume für die demokratische Bildung junger Menschen.



