Hitlers 'Mein Kampf' in Waren: Warum das Machwerk noch immer relevant bleibt
In der Stadtbibliothek Waren steht es selbstverständlich im Regal: Adolf Hitlers 'Mein Kampf'. Bibliotheksleiter Axel Graff betont die Bedeutung des Zugangs zu diesem historischen Dokument. "Es ist wichtig, so etwas vorrätig zu haben und sich mit dem Wissen von heute auseinanderzusetzen", erklärt er. Das Interesse sei vorhanden, doch viele Leser seien enttäuscht, wenn sie das Werk tatsächlich in Händen halten.
Historischer Vortrag im Pfarrsaal
Rund 30 Besucher, darunter viele jüngeren Alters, fanden sich kürzlich im Pfarrsaal der Katholischen Gemeinde in Waren ein, um dem Vortrag von Prof. Dr. Mario Niemann vom Historischen Institut der Universität Rostock zu lauschen. Der Historiker beleuchtete die Entstehungsgeschichte des Buches, das vor kurzem seinen 100. Jahrestag der Erstveröffentlichung hatte.
Der erste Band entstand größtenteils während Hitlers Haft in Landsberg am Lech nach dem gescheiterten Putschversuch von 1923. Niemann schildert: "Von Haftbedingungen, wie man sie sich in einer Festung vorstellt, konnte da keine Rede sein. Er konnte seinen Tagesablauf bestimmen und kam zu Papier und Schreibmaschine." Während der knapp einjährigen Haft erhielt Hitler Besuch von 345 Personen an 524 Tagen.
Ein politisches Manifest im biografischen Gewand
Für Niemann ist 'Mein Kampf' eher ein "politisches Manifest im biografischen Gewand" als eine literarische Meisterleistung. Die Erstauflage von 10.000 Exemplaren wurde für 12 Reichsmark verkauft. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 explodierte die Auflage auf eine Million Exemplare, an deren Produktion 22 Druckereien in 14 deutschen Städten beteiligt waren.
"Gekauft oder verschenkt, heißt noch lange nicht gelesen", weiß der Historiker. Nach seinen Schätzungen könnte etwa jeder Fünfte das Buch tatsächlich gelesen haben. Es war keine Pflichtlektüre an Schulen, wurde aber zur Weltanschauungs-Schulung in der Hitler-Jugend verwendet. Später gab es eine "Tornister-Ausgabe" für Soldaten.
Verquaste Sprache und propagandistische Wirkung
Niemann beschreibt Hitlers Sprache im Buch als verquast, schwer lesbar, vulgär und voller Klischees mit zahlreichen Grammatikfehlern. "Hitlers Sprache gilt als verquast, schwer lesbar, vulgär und voller Klischees mit vielen Grammatikfehlern", so der Historiker. Selbst Propagandaminister Joseph Goebbels habe dem Autor mitgeteilt, dass es sich nicht um ein brillantes Stück Literatur handle.
Trotzdem wurde das Werk in zahlreiche Sprachen übersetzt und war unter anderem in Spanien, Frankreich, Ungarn, Bulgarien und Japan erhältlich. Niemann warnt vor vorschnellen Schlussfolgerungen: "Mit unserem Wissen von heute sind wir schnell dabei zu sagen, dass man das doch hätte kommen sehen müssen. Ideologien leben von utopischen Versprechen."
Historischer Kontext und aktuelle Relevanz
Der Historiker verweist darauf, dass 'Mein Kampf' kein Solitär war. Publizist Theodor Fritsch veröffentlichte zahlreiche antisemitische Schriften wie das "Handbuch der Judenfrage". Der entscheidende Unterschied: "Hitler hat vieles von dem, was er in seinem Buch ankündigte, später auch tatsächlich umgesetzt", betont Niemann.
Die Besucher der Veranstaltung zeigten sich besorgt. "Ich mache mir Sorgen, was solche Literatur heute noch anrichten kann", sagte einer der Gäste. Die lange Tabuisierung des Buches habe zur Aura der Faszination beigetragen, erklärt Niemann.
Rechtliche Situation und persönliche Erfahrungen
Heute ist der Besitz und Verkauf antiquarischer Ausgaben aus der NS-Zeit erlaubt. Seit 2015 hat der Freistaat Bayern das Urheberrecht verloren. Eine kommentierte Ausgabe mit etwa 3500 Anmerkungen in zwei Bänden wiegt rund fünf Kilogramm.
Ein Besucher mittleren Alters aus Röbel resümierte: "Ich habe viel dazugelernt. Mir hat gefallen, dass es sehr sachlich und trotzdem nicht trocken mit dem Wissen der heutigen Zeit betrachtet wurde." Ein älterer Herr, der das Buch mit 15 Jahren im Elternhaus gelesen hatte, blickt besorgt auf die politische Bildung: "Das Buch hat mich verändert. Ich war erschüttert über den darin formulierten Judenhass. Im Vergleich zu heute machen wir zum Teil die gleichen Fehler wie damals."



