Demografischer Wandel in Neubrandenburg: Kitas kämpfen um Kinder und ihre Existenz
Neubrandenburgs Kitas: Zu wenige Kinder bedrohen Bestand

Demografischer Wandel stellt Neubrandenburgs Kitas vor existenzielle Fragen

Die Zahlen wirken auf den ersten Blick solide: 5109 Betreuungsplätze, 34 Einrichtungen und 26 Tagespflegepersonen stehen in der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg für die Kindertagesbetreuung zur Verfügung. Doch hinter dieser scheinbar stabilen Infrastruktur zeichnet sich ein tiefgreifender struktureller Wandel ab, der die Zukunft vieler Einrichtungen ungewiss macht.

Auslastung unter kritischer Marke

Aktuell sind von den 5109 verfügbaren Plätzen lediglich 4464 belegt, was einer Gesamtauslastung von 87 Prozent entspricht. Diese Zahl liegt deutlich unter der kritischen Schwelle von 95 Prozent, ab der Einrichtungen nach den Finanzierungsregeln des Landkreises bereits defizitär arbeiten. Die Rechnung ist einfach und hart: Gezahlt wird nur für tatsächlich belegte Plätze.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Kindertagespflege, wo 26 Tagespflegepersonen derzeit 100 Kinder betreuen. Die Auslastungsquote liegt hier bei nur 77 Prozent – Luft nach oben ist vorhanden, doch der Bedarf geht kontinuierlich zurück.

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Dramatischer Geburtenrückgang als Ursache

Der Grund für diese Entwicklung ist eindeutig: Neubrandenburg bekommt immer weniger Kinder. Wurden im Jahr 2017 noch 583 Babys in der Stadt geboren, waren es 2024 nur noch 375. Das bedeutet einen Rückgang von etwa 36 Prozent in weniger als einem Jahrzehnt. Laut aktueller Prognose des Jugendamtes ist erst ab 2031 wieder mit steigenden Geburtenzahlen zu rechnen.

Die Folge dieses demografischen Wandels ist mittelfristig ein drohendes Überangebot an Betreuungsplätzen. Das Jugendamt spricht in diesem Zusammenhang von einer „nachlassenden Bedarfslage“ – eine diplomatische Formulierung, hinter der sich für viele Träger wirtschaftliche Dringlichkeit verbirgt.

Träger zwischen Konkurrenzkampf und Qualitätsverbesserung

Remo Hillmann, Leiter des Kinderhauses St. Nikolaus in der Ziegelbergstraße, äußert deutliche Befürchtungen: „Wenn die Politik die sich bietende Chance, den Personalschlüssel zu verbessern, jetzt nicht nutzt, wird es zu einem starken Konkurrenzkampf zwischen den Kindereinrichtungen kommen.“

Norbert Dawel, Bereichsleiter des Trägers JUL, sieht im Wettbewerb allerdings auch positive Aspekte: Er sorge für Entwicklung in den Einrichtungen und ständige Verbesserung der Betreuungsqualität.

Keine Expansion, sondern Konsolidierung

Einigkeit herrscht beim Landkreis und den Angebotspartnern darüber, dass ein weiterer Kapazitätsausbau nicht bedarfsgerecht wäre. Neue Kitas oder zusätzliche Plätze sind nicht geplant. Neu- und Umbauten von Einrichtungen sollen künftig nur noch dann genehmigt werden, wenn sie:

  • der Erfüllung gesetzlicher Rechtsansprüche dienen
  • dringende Sanierungen fällig sind

Die Landeszentrale der Johanniter-Unfall-Hilfe betont, dass die aktuellen Sorgen der Träger nichts mit schlechtem Wirtschaften zu tun haben. Es handele sich vielmehr um eine natürliche Folge sinkender Geburtenraten. „Auch Schließungen müssen wir bedenken“, heißt es von Seiten des Trägers, zu dessen größter Einrichtung in Neubrandenburg die Kita „Bumerang“ gehört.

Eltern profitieren von größerer Auswahl

Für Eltern hat die aktuelle Lage durchaus positive Seiten: Die vorhandene Trägervielfalt ermöglicht es ihnen, die Einrichtung nach qualitativen und pädagogischen Gesichtspunkten auszuwählen – nicht primär nach Verfügbarkeit. Wer eine Kita mit bestimmtem Konzept, bestimmter Lage oder besonderen Betreuungszeiten sucht, hat heute deutlich mehr Auswahlmöglichkeiten als noch vor einigen Jahren.

Zuzug als temporärer Puffer

Ein dämpfender Faktor bei der Entwicklung war in den vergangenen Jahren der Zuzug. Seit 2021 verzeichnet Neubrandenburg positive Wanderungssalden, die vor allem auf Flüchtlinge aus der Ukraine zurückzuführen sind – darunter auch Familien mit kleinen Kindern. Aus Sicht der Branchenvertreter lässt sich dieser Effekt jedoch nicht dauerhaft einkalkulieren.

Monitoring als Frühwarnsystem

Das Jugendamt des Landkreises setzt auf ein engmaschiges Monitoring-System, um die Entwicklung frühzeitig zu erkennen:

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  1. Monatliche Berichte zur aktuellen Situation
  2. Jährliche Sozialraumgespräche mit allen Beteiligten
  3. Regelmäßig aktualisierte Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung

Träger, die mit sinkenden Auslastungsquoten zu kämpfen haben, werden aufgefordert, betriebliche Anpassungen zu prüfen – im äußersten Fall auch die Aufgabe von Einrichtungen in Erwägung zu ziehen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie Neubrandenburgs Kindertagesbetreuung den demografischen Wandel bewältigen wird.