Langzeitstudie enthüllt: Scheidung der Eltern beeinflusst Familienplanung der Kinder
Scheidung der Eltern beeinflusst Familienplanung der Kinder

Langzeitstudie enthüllt: Scheidung der Eltern beeinflusst Familienplanung der Kinder

Eine umfangreiche Langzeitstudie aus den Niederlanden liefert neue, gesellschaftlich brisante Erkenntnisse darüber, wie sich die Trennung der Eltern auf die Partnerschaften und Familienplanung ihrer Kinder auswirken kann. Die Forschungsergebnisse relativieren dabei alte Annahmen und werfen gleichzeitig neue Fragen auf.

Geringere Kinderzahl bei Scheidungskindern

Die im Fachjournal Demography veröffentlichte Studie analysierte Daten von rund 1,75 Millionen Menschen, die zwischen 1970 und 1980 in den Niederlanden geboren wurden und deren Lebenswege bis 2023 verfolgt wurden. Die zentrale Erkenntnis: Kinder aus geschiedenen Familien bekommen im Durchschnitt weniger Nachwuchs als Menschen, deren Eltern zusammenblieben. Bei Männern reduziert sich die Kinderzahl um etwa 13 Prozent, bei Frauen um rund 5 Prozent.

Ein Hauptgrund für diese Entwicklung liegt laut dem Forschungsteam um Silvia Palmaccio von der Bocconi-Universität in Mailand in der kürzeren Dauer von Ehen und Partnerschaften bei Scheidungskindern. Da Geburten typischerweise innerhalb einer Partnerschaft – ob ehelich oder nichtehelich – stattfinden, führt die geringere Beziehungsdauer zu weniger Kindern. Zudem bleiben Kinder aus geschiedenen Familien etwas häufiger kinderlos. Wenn sie jedoch Nachwuchs bekommen, geschieht dies im Durchschnitt früher.

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Kürzere Partnerschaften als zentraler Mechanismus

Der Studie zufolge ist der zentrale Mechanismus für die geringere Kinderzahl, dass Scheidungskinder sich häufiger trennen als andere Menschen und daher kürzere Ehen und Partnerschaften führen. „Dies ist ein durchaus plausibler Zusammenhang, der so meines Wissens noch nie gezeigt wurde“, kommentiert Heike Trappe, Professorin für Soziologie und Familiendemografie an der Universität Rostock, die nicht an der Studie beteiligt war.

Die Ehe von Kindern aus Scheidungsfamilien dauerte in der Untersuchung im Schnitt etwa ein Jahr kürzer als bei anderen Menschen. Wird diese verkürzte Dauer berücksichtigt, verschwindet der Zusammenhang zwischen elterlicher Scheidung und der Zahl der Nachkommen bei Frauen weitgehend, bei Männern halbiert er sich. Dies legt nahe, dass der Effekt elterlicher Scheidung auf die Fertilität ihrer Kinder wesentlich von der verkürzten Ehedauer abhängt.

Methodisch überzeugende Studie mit Einschränkungen

„Die Studie ist methodisch überzeugend und wissenschaftlich relevant“, urteilt Martin Bujard, Professor für Medizinische Soziologie und Familiensoziologie an der Universität Heidelberg. Von den rund 1,75 Millionen analysierten Erwachsenen hatten etwa 186.000 vor dem Alter von 18 Jahren eine elterliche Scheidung erlebt – knapp 11 Prozent. Das Forschungsteam berücksichtigte dabei Kovarianten wie die Anzahl der Geschwister oder das Wohnumfeld im Alter von 11 Jahren.

Die Autoren räumen jedoch selbst ein, dass die Ergebnisse keinen kausalen Zusammenhang zeigen. Offen bleibt, ob die elterliche Scheidung als solche das Partnerschaftsverhalten und die Nachkommenzahl der betroffenen Kinder beeinflusst oder ob Werte und Einstellungen aus der Herkunftsfamilie eine Rolle spielen. Zudem bezieht sich die Analyse ausschließlich auf die Niederlande – ein kleines Land mit starkem Wohlfahrtssystem – und ist daher nicht direkt auf Deutschland übertragbar.

Geschlechtsspezifische Unterschiede und Altersgradienten

Die Studie zeigt interessante geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen aus geschiedenen Familien bekamen ihr erstes Kind deutlich früher, und zwar um 0,75 Jahre. Bei Männern war der Effekt mit 0,30 Jahren früherer Vaterschaft kleiner. Für Frauen zeigt sich zudem ein Altersgradient: Je später in der Kindheit die Scheidung stattfand, desto später bekamen sie ihr erstes Kind. Bei Männern sei dieses Muster schwächer und meist nicht signifikant.

Zusatzanalysen ergaben, dass die Ergebnisse auch für Kinder gelten können, die die Trennung unverheirateter, zusammenlebender Eltern erleben. Dazu wurden Daten von Paaren genutzt, die eine gemeinsame Steuererklärung eingereicht oder einen speziellen Vertrag zum Zusammenleben unterzeichnet hatten.

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Der Ablauf der Trennung ist entscheidend

„Trennungen verlaufen höchst unterschiedlich und sind in unterschiedlichem Ausmaß konfliktreich“, betont Martin Bujard. Es gebe Patchworkfamilien mit guter Kommunikation, aber auch destruktive dauerhafte Konflikte zwischen den Eltern. „Daher kann man davon ausgehen, dass Trennungen nicht pauschal mit niedrigeren Kinderwünschen zusammenhängen.“

Entscheidend sei, wie die Trennungen ablaufen. Bei den Auswirkungen auf den Kinderwunsch der Kinder spielen die Art der Kommunikation der Familie nach der Trennung sowie der Kontakt zu beiden Elternteilen eine zentrale Rolle. Die Studienlage zeige allgemein, dass das Aufwachsen in einer Familie, in der die Eltern zwar zusammenbleiben, aber ein hohes Maß an Konflikten erleben, ebenfalls schädlich für Kinder sein kann.

Erstautorin Silvia Palmaccio warnt daher vor voreiligen Schlüssen: „Aus diesem Grund wäre ich vorsichtig mit der Schlussfolgerung, dass das Zusammenbleiben für ein konfliktreiches Paar zwangsläufig vorteilhaft wäre, nur um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, mehr Enkelkinder zu bekommen.“