Wenn Ehrenamtler fehlen: Tafeln in Zerbst und Havelberg finden innovative Lösungen
Tafeln finden Lösungen bei Ehrenamtsmangel

Wenn Ehrenamtler fehlen: Tafeln in Zerbst und Havelberg finden innovative Lösungen

Die Tafeln in Deutschland versorgen regelmäßig Bedürftige mit gespendeten Lebensmitteln. Doch was geschieht, wenn langjähriges ehrenamtliches Engagement endet und kein Nachfolger in Sicht ist? In Zerbst und Havelberg in Sachsen-Anhalt wurden nun ganz unterschiedliche Wege gefunden, um diese Herausforderung zu meistern und die wichtige Arbeit fortzusetzen.

Zerbst: Von der Vereinsstruktur zur gemeinnützigen GmbH

In Zerbst stand die Zukunft der Tafel lange auf der Kippe. Die bisherige Vorsitzende des Tafel-Vereins zog sich nach vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit zurück, und trotz intensiver Suche fand sich kein Nachfolger. „Die Tafelumfrage der Tafel Deutschland aus 2025 hat ergeben, dass in Sachsen-Anhalt mehr als 42.000 Menschen Unterstützung finden“, erklärt Kai-Gerrit Baedje, Geschäftsführer des Tafel-Landesverbandes. In Zerbst allein sind 120 Menschen auf die wöchentliche Lebensmittelausgabe angewiesen.

Die Lösung: Seit dem 1. Oktober des vergangenen Jahres hat die Köthener Sozial- und Arbeitsförderungs gGmbH die Tafelarbeit übernommen. „Für die Tafelkunden hat sich nichts geändert“, betont Geschäftsführer Frank Junge. Die Ausgabe findet weiterhin wöchentlich in derselben alten Grundschule statt. Hinter den Kulissen hat sich jedoch vieles gewandelt.

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Die Mitarbeiter der Tafel sind nun größtenteils Menschen in sogenannten Arbeitsgelegenheiten, die den Weg aus der Arbeitslosigkeit zurück auf den ersten Arbeitsmarkt finden sollen. „Langzeitarbeitslosigkeit spielt eine große Rolle, der Rhythmus des Arbeitslebens muss wieder her“, so Junge. Einige dieser Mitarbeiter seien selbst Tafelkunden.

Der Vorteil der neuen Organisation: „Es läuft nun professioneller“, sagt Junge. Neben Lebensmitteln gibt es nun auch Drogerieartikel wie Creme und Duschbad. Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD), selbst ehemaliges Mitglied des Zerbster Tafelvereins, zeigt sich erleichtert: „Die Tafel ist über die Jahre zu einer unverzichtbaren Sozialeinrichtung geworden. Ich bin heilfroh, dass es gelungen ist, eine Nachfolge zu finden.“

Havelberg: Ein ehemaliger Berufssoldat übernimmt die Führung

In Havelberg zeigte sich, was passieren kann, wenn eine Vereinsvorsitzende aufhört und sich kein Nachfolger findet: Nach der letzten Ausgabe im Januar vergangenen Jahres blieb die Tafel mehrere Monate geschlossen. Erst im Sommer ging es weiter – dank Eberhard Zimmer.

Der 61-jährige ehemalige Berufssoldat ging in den Ruhestand und hatte bereits zwei Jahre als ehrenamtlicher Kraftfahrer bei der Tafel geholfen. Als sich die Vereinsmitglieder fragten, ob sie weitermachen wollten, war die Antwort ein klares Ja – und Zimmer sagte ebenfalls Ja zur Übernahme der Verantwortung.

Um sich herum weiß er ein engagiertes Team aus 22 Ehrenamtlichen. „Das ist eine schwere Arbeit“, sagt Manuela Schiffbauer, die seit fast 20 Jahren dabei ist. Die Ehrenamtlichen seien meist Frauen um die 60 bis 70 Jahre. Über Zimmer sagt sie: „Er macht einfach“. Zuletzt habe er die Schwellen zu den Vorratsräumen beseitigt, sodass die Wagen voller Lebensmittel nicht mehr angehoben werden müssen.

Zimmers nächstes Projekt ist eine neue Tiefkühlzelle, für die er gerade einen Förderantrag geschrieben hat. Ein positiver Nebeneffekt: Durch seine Bundeswehr-Kontakte bekommt die Tafel auch aus dieser Richtung Spenden. Wenn bei Übungen Verpflegung übrig bleibt, kommt sie nach Havelberg.

„Übergabe von Verantwortung“ nennt Zimmer seinen Führungsstil, den er von der Bundeswehr mitgebracht hat. „Ich muss nicht alles selbst machen. Es geht darum, die Fähigkeit der Mitarbeiter zu nutzen“, erklärt er. Jede Woche ist eines von vier Teams dran, um die 63 Ausgabekisten zu packen. „Wir mussten bislang noch keinen wegschicken“, so Schiffbauer.

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Landesverband: Das Modell ist zweitrangig, die Kontinuität entscheidend

Für den Tafel-Landesverband Sachsen-Anhalt ist vor allem eines wichtig: dass die Arbeit weitergeht. „Für die Tafel Sachsen-Anhalt spielt es keine Rolle, ob eine Tafel sich in Trägerschaft befindet oder als eigenständiger Tafelverein agiert. Für uns ist es wichtig, verlässliche Strukturen zu haben, damit die Tafelarbeit, Lebensmittelrettung und Unterstützung von armutsbedrohten Menschen funktioniert“, betont Geschäftsführer Baedje.

Eine gute Nachricht hat er noch: „Im Moment steht keine erforderliche Nachfolgeregelung an.“ Die innovativen Lösungen in Zerbst und Havelberg zeigen, dass auch bei fehlendem Ehrenamt die wichtige Arbeit der Tafeln fortgesetzt werden kann – zum Wohle Tausender Bedürftiger in Sachsen-Anhalt.