Telefonseelsorge: Ein offenes Ohr in jeder Lebenslage
Wenn das Telefon in der Beratungsstelle klingelt, weiß Seelsorgerin Rita Ebken nie, was sie erwartet. Unter der Nummer 0800 1110111 ist Tag und Nacht jemand erreichbar - für Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge bieten ein anonymes Gesprächsangebot, das niedrigschwellige Unterstützung in schwierigen Momenten ermöglicht.
Anonymität als Grundprinzip
„Alles, was sich selbst begegnen kann, kann dir auch am Telefon begegnen“, beschreibt Ebken ihre Erfahrungen. Die Anrufenden vereint der dringende Wunsch, mit jemandem zu sprechen, der sie nicht kennt und den sie nicht kennenlernen werden. Diese Anonymität hat oberste Priorität - den Helfern wird nicht die Nummer der Anrufenden angezeigt, nach Namen wird nicht gefragt.
Die Themen sind vielfältig:
- Einsamkeit und soziale Isolation
- Suizidgedanken und existenzielle Krisen
- Probleme in Familie und Partnerschaft
- Sucht und Abhängigkeiten
- Tabuisierte Themen wie Sexualität
- Ängste und Erschöpfungszustände
Das offene Ende der Geschichten
In den meisten Fällen bleibt es bei diesem einen Gespräch - und damit bei einem offenen Ende der Geschichte. Die Ehrenamtlichen erfahren selten, wie sich die Situation der Anrufenden entwickelt. Dies ergibt sich zwangsläufig aus dem Prinzip der Anonymität, das jedoch auch ermöglicht, dass Menschen leichter über schwierige Themen sprechen können.
Es gibt auch sogenannte Mehrfachanrufer, die regelmäßig Kontakt zur Telefonseelsorge suchen. „Menschen, die alleine sind und niemanden zu sprechen haben, für die wir ganz wichtig sind. Diese Menschen wollen und müssen gehört werden“, erklärt Ebken.
Struktur und Finanzierung des Angebots
Die Telefonseelsorge ist bundesweit an 105 Standorten vertreten, darunter in Halle, Magdeburg, Erfurt, Leipzig und Berlin. Allein in Magdeburg wurden im vergangenen Jahr 14.626 Anrufe gezählt, hinzu kommen 899 Kontakte per E-Mail. Das Angebot wird über Spenden finanziert - für die Stellen in Magdeburg und Halle zahlt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland jährlich 135.000 Euro sowie die Personalkosten für die leitenden Pfarrerinnen.
Landesbischof Friedrich Kramer sprach den haupt- und ehrenamtlich Tätigen seinen „hohen Respekt“ aus. Die Arbeit der Telefonseelsorge findet ausschließlich in den Beratungsstellen statt, nicht von zu Hause aus - dies dient dem Schutz der Anonymität sowohl der Anrufenden als auch der Helfer.
Gründliche Ausbildung der Ehrenamtlichen
Bevor Menschen als Seelsorger tätig werden können, durchlaufen sie eine intensive Ausbildung von über einem Jahr. Diese Vorbereitung hilft, für die verschiedensten Situationen gewappnet zu sein. „Während der Ausbildung findet man ganz viel über sich und auch über seine Grenzen heraus“, erinnert sich Ebken.
Das Team in Halle besteht aus Ehrenamtlichen zwischen 23 und 84 Jahren. Regelmäßige Weiterbildungen und monatliche Supervisionen gehören zum festen Programm. In diesen Treffen werden besonders schwere Gespräche besprochen und Strategien für den Umgang damit entwickelt. Zuverlässigkeit und psychische Belastbarkeit sind essentielle Voraussetzungen für diese verantwortungsvolle Tätigkeit.
Spezielle Angebote für junge Menschen
Neben der allgemeinen Telefonseelsorge gibt es mit der „Nummer gegen Kummer“ ein spezielles Angebot für Kinder und Jugendliche. Junge Menschen können sich hier bei den vielfältigen Fragen ihres Lebens anonym beraten lassen. Dieses ergänzende Angebot unterstreicht die Bedeutung niedrigschwelliger Hilfestrukturen für verschiedene Altersgruppen.
Persönliche Motivation und Grenzen
Für Rita Ebken ist die Telefonseelsorge schon lange Teil ihres Lebens. „Ich wollte immer was zurückgeben von meinem Glück im Leben. Ich hatte eine schöne Kindheit, habe es immer gutgehabt“, erklärt sie ihre Motivation. Durch das Ehrenamt trägt sie viele schwere Gespräche in ihrem Herzen, aber auch bereichernde Erfahrungen: „Wenn man hier arbeitet, lernt man das Leben nochmal von einer anderen Seite kennen. Und ich weiß noch mehr zu schätzen, wie gut es mir geht.“
Trotz der emotionalen Belastung gibt es auch Momente der Erfüllung: „Wenn es ein gutes Ende findet, ein gemeinsames Lachen oder so etwas“. Authentizität ist dabei entscheidend - die Seelsorger sollen sich nicht verstellen, sondern so bleiben, wie sie sind.
Derzeit sucht die Stelle in Halle weitere Freiwillige, wobei das Team momentan überwiegend aus Frauen besteht. Interessierte sollten sich bewusst sein, dass die Realität der Telefonseelsorge-Arbeit manchmal anders ist als erwartet - aber für viele Ehrenamtliche zu einer tiefgreifenden Bereicherung ihres Lebens wird.



