Engelchen-Teufelchen-Phänomen: Wenn Kinder zu Hause anders sind
Viele Eltern kennen diese Situation: Beim Elterngespräch in Kindergarten oder Schule hört man von einem vorbildlichen Kind, das freiwillig aufräumt, hilfsbereit ist und ohne Diskussionen die Zähne putzt. Zu Hause jedoch zeigt dasselbe Kind ein völlig anderes Verhalten – es wird frech, hält sich nicht an Absprachen und provoziert regelmäßig Konflikte. Dieses sogenannte Engelchen-Teufelchen-Phänomen verunsichert viele Mütter und Väter und lässt sie an ihren erzieherischen Fähigkeiten zweifeln.
Ein Zeichen für Vertrauen und Sicherheit
Die Diplom-Sozialpädagogin Dana Mundt, Koordinatorin in der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke), berichtet aus ihrer Praxis: „Wenn mir Eltern davon berichten, zweifeln sie sehr an sich und hadern mit ihren erzieherischen Kompetenzen.“ Doch tatsächlich ist dieses unterschiedliche Verhalten meist ein positives Signal. Zu Hause ist für Kinder der sicherste Ort, an dem sie sich zeigen können, wie sie sich wirklich fühlen. Dies spricht in der Regel für eine gute Bindung zu den Eltern.
Mundt erklärt: „Es ist nicht so, dass das Kind die Erzieherin mehr mag. Vielmehr weiß es, dass es bei den Eltern alle Emotionen zeigen darf – auch Wut, Frust oder Enttäuschung.“ Ähnlich wie Erwachsene nach einem anstrengenden Arbeitstag ihre Geduld verlieren können, entladen Kinder unterdrückte Gefühle oft erst in der vertrauten Umgebung. Dieses Verhalten zeigt ein großes Vertrauen in die Hauptbezugspersonen.
Praktische Tipps für den Alltag
Für Eltern, die mit dieser Situation konfrontiert sind, hat Dana Mundt mehrere Empfehlungen:
- Emotionen nicht persönlich nehmen: Freche Sprüche oder Wutanfälle sind selten gegen die Eltern gerichtet, sondern Ausdruck von Überforderung oder angestauten Gefühlen.
- Gefühle sprachlich begleiten: Wenn Emotionen hochkochen, hilft es, diese zu benennen. So lernt das Kind nach und nach, Frust oder Wut in Worte zu fassen.
- Für Ausgleich sorgen: Nach anstrengenden Kitatagen können gemeinsame Aktivitäten wie Spaziergänge oder Spielplatzbesuche helfen, Spannungen abzubauen.
- Einfühlsam begleiten: Wenn Gefühle überkochen, ist es wichtig, präsent zu sein, zuzuhören und das Kind durch die Emotion zu begleiten.
Unterstützung bei Unsicherheit
Falls Eltern sich unsicher fühlen oder Fragen haben, bietet die bke-Onlineberatung anonyme und kostenfreie Unterstützung – sei es im Chat, Forum oder per Mail. Auch lokale Erziehungs- und Familienberatungsstellen stehen zur Verfügung. Das Engelchen-Teufelchen-Phänomen ist somit kein Zeichen von Erziehungsversagen, sondern vielmehr ein Indikator für eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung, in der das Kind sich sicher genug fühlt, um alle Facetten seiner Persönlichkeit zu zeigen.



