Gender Disappointment: Wenn Eltern mit dem Geschlecht ihres Kindes hadern
Hauptsache gesund – dieser alte Spruch reicht vielen werdenden Eltern heute nicht mehr aus. In einer Zeit, in der Paare weniger Kinder bekommen als früher, sind die Erwartungen an die Elternschaft und das Kind enorm gestiegen. Ein Phänomen, das unter dem Hashtag Gender Disappointment in sozialen Medien kursiert, gewinnt an Bedeutung: die Enttäuschung über das Geschlecht des ungeborenen Kindes.
Soziale Medien verstärken Geschlechterstereotype
In zahlreichen Videos auf Plattformen wie TikTok und in Internetforen teilen Eltern ihre Gefühle, wenn das Konfetti bei der Geschlechtsenthüllung nicht die gewünschte Farbe hat. Besonders häufig scheint Enttäuschung aufzutreten, wenn hellblaues statt rosafarbenes Konfetti fällt. Anna-Lena Zietlow, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Technischen Universität Dresden, erklärt: „Die Erwartungen an das Kind sind heute sehr hoch. Es muss perfekt ins Leben der Eltern passen – überspitzt formuliert.“
Während früher Generationen oft männliche Nachkommen bevorzugten, deuten aktuelle Studien auf eine Präferenz für Mädchen in westlichen Kulturen hin. Tina Spies, Genderforscherin an der Universität Kiel, warnt vor einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen: „Die sozialen Medien verstärken stereotype Bilder von Mädchen als angepasst und fürsorglich und Jungen als wild und schwierig.“
Bildungserfolg und Geschlechterunterschiede
Bildungsexpertin Ricarda Steinmayr von der Technischen Universität Dortmund betont, dass Mädchen heute häufiger Abitur machen als Jungen. Bei Bildungsstudien zeigen sich klare Muster: Mädchen schneiden bei Lesekompetenz besser ab, Jungen bei Mathematik, wobei die Unterschiede hier geringer ausfallen. „Die reinen Schulleistungsunterschiede sind insgesamt nicht so groß“, sagt Steinmayr.
Auffällig ist jedoch: Mädchen werden in allen Fächern besser bewertet – weltweit. Jungen erhalten bei gleicher Leistung seltener Gymnasialempfehlungen, müssen häufiger Klassen wiederholen und verlassen die Schule früher. Eine mögliche Erklärung liegt im Verhalten: Mädchen zeigen durchschnittlich mehr schulische Motivation, Ordnung und weniger Störverhalten.
Berufliche Perspektiven und Pflegeverantwortung
Im Studium beginnen mittlerweile mehr junge Frauen als Männer, doch bei Promotionen und Führungspositionen kehrt sich das Verhältnis um. Nach wie vor verdienen Frauen durchschnittlich weniger pro Stunde als Männer, arbeiten häufiger in Teilzeit oder schlechter bezahlten Jobs, oft aufgrund familiärer Verpflichtungen.
Bei der Pflege älterer Angehörige zeigen Daten des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), dass mehr Frauen als Männer Unterstützung leisten. Allerdings betonen Fachleute: „Pflege durch die eigenen Kinder ist im Alter nicht selbstverständlich – unabhängig vom Geschlecht.“ Nur 47,5 Prozent der Befragten mit pflegebedürftigen Eltern unterstützen diese tatsächlich.
Psychische Gesundheit und Mediennutzung
Alexandra Langmeyer-Tornier vom Deutschen Jugendinstitut in München weist auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei psychischen Problemen hin: Jungen zeigen eher externalisierende Auffälligkeiten wie ADHS, während Mädchen häufiger unter internalisierenden Störungen wie Depressionen und Ängsten leiden. „Mädchen haben genauso psychische Probleme wie Jungen, tendenziell sogar mehr, aber sie fallen nicht so auf“, erklärt sie.
Bei der Mediennutzung hängen beide Geschlechter etwa gleich lange am Smartphone, doch mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Jungen spielen häufiger digitale Spiele, Mädchen sind mehr in sozialen Medien aktiv.
Vom Wunschdenken zur Realität
Viele Eltern träumen von einem Mini-Ich, dem sie geben können, was sie selbst als Kind vermissten. Studien zeigen, dass Frauen sich eher Mädchen und Männer eher Jungen wünschen. Doch Zietlow relativiert: „Bedeutet es gleich, dass eine Person enttäuscht ist, nur weil sie sich ursprünglich etwas anderes gewünscht hat?“
Interessanterweise beobachtet die Expertin einen Gegentrend: Immer mehr Eltern wollen das Geschlecht ihres Kindes bewusst nicht vor der Geburt wissen oder nicht verraten, um Geschlechterstereotype zu vermeiden. Und wenn das Kind erst einmal da ist, spielt das Geschlecht für die meisten Eltern ohnehin keine Rolle mehr.



