Moderne Männlichkeit: Orientierung für Jungen in einer sich wandelnden Welt
Wenn Jungen ständig hören, wie sie nicht sein sollen, fehlt ihnen eine klare Richtung. Kinder benötigen positive Bilder, an denen sie sich orientieren können. Doch wie können Eltern ihre Söhne auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Männlichkeit begleiten, die sowohl Stärke als auch Empathie vereint?
Traditionelle Ideale und moderne Herausforderungen
Traditionelle Männlichkeitsvorstellungen zeichneten lange ein enges Bild: Der heterosexuelle, muskulöse und erfolgreiche Mann galt als Ideal. Reinhard Winter, Diplompädagoge am Sozialwissenschaftlichen Institut Tübingen, erklärt: „Wer diesem Bild entsprach, hatte es leicht. Wer abwich, wurde oft ausgegrenzt.“ Heute entsprechen die wenigsten jungen Männer noch diesem Stereotyp. „Wir leben in einem Paradies der Selbstentfaltung“, sagt Winter. „Doch die individuelle Entwicklungsaufgabe ist größer geworden.“
Der moderne Mann: Selbstregulation als Schlüsselkompetenz
Laut Winter hat sich ein modernisierter Männlichkeitstyp etabliert: „Er ist selbstkritisch, anständig und kultiviert. Aber wenn es nötig ist, kann er volle Energie ausleben.“ Diese Fähigkeit zur Selbstregulation – Aggressionen im richtigen Moment zu zeigen und dann wieder zu regulieren – sei heute zentral. Ob im Sport, Beruf oder sexuellen Kontexten: Unterschiedliche Situationen erfordern verschiedene Facetten.
Emotionale Kompetenz fördern statt unterdrücken
Stephan Höyng, Professor für Jungen- und Männerarbeit in Berlin, warnt: Wer einem traditionellen Männerbild nacheifert, riskiert, Fühlen, Mitfühlen und In-sich-hinein-spüren zu verlernen. „Das führt zu emotionaler Kälte“, so Höyng. Eine pädagogische Antwort sei, Jungen zu entlasten: „Ich bewerte nicht, ob du Rock oder Hose trägst. So wie du bist, bist du okay.“
Positive Orientierung statt negativer Verbote
Viele Eltern wissen genau, wie ihr Sohn nicht sein soll – zu laut, zu wild, sexistisch. Doch positive Eigenschaften zu benennen, fällt schwer. Winter betont: „Wenn Jungen nur hören, wie sie nicht sein sollen, fehlt die Orientierung.“ Statt leerer Floskeln wie „Sei einfach du selbst“ brauchen Jungen konkrete Bestärkung und Handlungsoptionen für schwierige Situationen.
Spielerische Freiräume und erweiterte Rollenbilder
Wenn Jungen kämpferisch spielen, schrecken Eltern oft zurück. Winter plädiert für Akzeptanz: „Du darfst so männlich sein, wie du bist.“ Das schließe auch Jungen ein, die „überlegene Männlichkeit“ zeigen und Kultivierung brauchen. Im Ritterburg-Spiel etwa könne man Schlachten schlagen, aber auch verletzte Ritter versorgen: „Wir brauchen einen Rot-Kreuz-Ritter.“
Vorbilder: Von realen Bezugspersonen bis zu Medienfiguren
Kinder benötigen Bilder, nach denen sie handeln. Höyng erklärt: „Es ist schön, wenn konkrete Männer zugewandt sind und Emotionen zeigen.“ Doch Jugendliche holen sich Vorbilder auch aus Medien, oft klischeehafte Figuren. Eltern sollten nah an den Interessen ihrer Kinder bleiben – auch bei Influencern.
Praktische Tipps: Gespräche, Bestärkung und Vertrauen
Winter rät zu positivem Bestärken, selbst in ungewöhnlichen Situationen. Sein Sohn wollte als Prinzessin in den Kindergarten: „Wir hatten einen Notfallplan, aber es gab keine Probleme. Er war glücklich.“ Zwar bestehe das Risiko von Spott, doch Eltern sollten vertrauen, dass Jungen damit umgehen können. Bei Konflikten bieten sich Gespräche über Geschlechterthemen an.
Insgesamt zeigt sich: Eine moderne Männlichkeit braucht Freiräume zur Selbstentfaltung, emotionale Kompetenz und positive Vorbilder. Eltern können hier entscheidend unterstützen, indem sie Orientierung geben, ohne in alte Stereotype zu verfallen.



