Der mütterliche Überlebenskampf beginnt mit der Bettdecke
Es gibt diese besonderen Morgen, an denen man mit dem festen Vorsatz aufsteht: Heute wird ein guter Tag. Für Katharina Render (42) liegt diese Zuversicht etwa acht Jahre zurück – genau genommen seit der Zeit vor ihren Kindern. Heute bedeutet das Beiseiteschlagen der Bettdecke das Anlegen eines unsichtbaren Mutterkampfanzugs. Die Rüstung für die tägliche Apokalypse, die sich schlicht „unser Alltag“ nennt.
Frühmorgendliche Sabberattacke und ein rutschiger Start
Pünktlich um 5.32 Uhr, ganze 58 Minuten vor dem Wecker, weckt Kater Loui seine Besitzerin mit sabbernden Liebkosungen im Gesicht. Sein klagendes Miauen suggeriert Vernachlässigung, dabei ist er vom Fresstyp her eher ein Garfield. Unter den müden Protesten der vierjährigen Tochter, die ebenfalls erwacht, tappt Katharina schlaftrunken und barfuß in die Küche, um den vermeintlich Verhungernden zu besänftigen.
Plötzlich durchschneidet ein gellender Schrei die Morgenstille – ihr eigener. Sie ist ausgerutscht, bleibt halb im Spagat stehen. Der Grund: Katzenerbrochenes, noch warm und im flüssigen Aggregatszustand. Diese Information, so unnötig sie erscheinen mag, brennt sich unweigerlich in die Seele ein. Kenner wissen, was sich anschließend zwischen den Zehen abspielt. Sieben Schlechte-Laune-Punkte sind sofort verbucht.
Die Suche nach Trost und weitere Rückschläge
Wie eine Tatort-Kommissarin mustert sie den Raum. Erfahrungsgemäß folgt auf einen Haufen mindestens ein weiterer. Mit Feuchttüchern, dem Schweizer Taschenmesser aller Mütter, werden zwei zusätzliche Brechhügel beseitigt. Zur Trilogie des Grauens setzt sie nun das beruhigende Geräusch der Kaffeemaschine entgegen. Der erste Schluck soll Kraft spenden, doch die Milch hat sich über Nacht in saure Verzweiflung verwandelt.
Entnervt spült sie das System und wählt die stärkste Stufe für ihren Flat White. Die Maschine verweigert den Dienst und mahnt zum Reinigungsprogramm. Als Alternative bleibt nur Tee – allerdings besitzt die Familie lediglich zwei Beutel Janosch-Waldbärentee, eigentlich für die Kinder bestimmt. Ob dieser Rettung bringen kann, bezweifelt sie stark.
Die Würde verschwindet hinter der Waschmaschine
Die achtjährige Tochter hat das Haus bereits verlassen – leider ohne ihren Sportbeutel. Nächster Akt: Zähneputzen, um wenigstens im Mund eine Form von Ordnung herzustellen. Die letzte Zahnpastatube entscheidet sich für einen spektakulären Abgang: Sie fällt nicht daneben, nicht davor, sondern genau hinter die Waschmaschine. In jene Parallelwelt aus Staub und verlorenen Haargummis, in der auch Socken und nun Katharinas letzte Würde verschwinden.
In diesem Moment betritt das kleine Kind weinend die Szene. Der selbstgebastelte „Originamini“-Schmetterling, ein gestriges Geschenk für die Mutter, ist mit Blaubeer-Joghurt übersät. Ein Blick auf die Uhr offenbart: In sieben Minuten beginnt der Morgenkreis in der Kita.
Destabilisierung an der Kita-Tür
Atemlos schiebt sie die Kleine durch die Kita-Tür, wo zwei Aushänge wie Destabilisierungsdrohungen auf Papier prangen. Der eine informiert über eine defekte Heizung mit ungewisser Reparaturaussicht, der andere verkündet das Auftreten von Scharlach in der Einrichtung. In diesem Moment möchte Katharina einfach weinen über einen Alltag, der beiläufig versucht, sie zu erledigen.
Doch nicht mit mir, denkt sie sich. Denn jetzt beginnt die entspannteste Zeit des Tages: die Arbeit. Nach diesem Morgen wirkt selbst der stressigste Job wie eine Oase der Ruhe.



