Mit Kindern über Gefühle reden: Das Pumuckl-Prinzip als Erziehungsmethode
Ein Familiennewsletter von Julia Stanek beleuchtet, warum es wichtig ist, mit Kindern offen über Emotionen zu sprechen. Gefühlskalte Menschen sind oft unbeliebt, doch vielen fällt es schwer, Kindern zu vermitteln: Lass einfach alles raus! Ein berühmter Kobold bietet hier eine überraschende Lösung.
Die Macht der richtigen Fragen
Wenn Eltern ihr Kind fragen, wie die Schule war, lautet die Antwort oft kurz: Gut. Auch wenn es mal nicht gut war. Ähnlich verhält es sich mit der Frage: Wie geht’s? Hier gerät der Small Talk schnell zum Tiny Talk. Häufige Antwort: Gut. Leslie John, Professorin an der Harvard Business School und Autorin von "Revealing", erklärt, dass falsche Fragen oft zu einstudierten Antworten und Funkstille führen. Ihr simpler Tipp: Im Amerikanischen sollte man zur Frage "How are you?" einfach ein Wort hinzufügen: "How are you feeling?" Auf Deutsch also: "Wie fühlst du dich?" statt dem kürzeren "Wie geht’s?".
Dieser Kniff kann eine Konversation zwischen zwei Menschen, die sich gut kennen, bereichern, so John in der "New York Times". Es gebe uns die Gelegenheit, etwas zu sagen, was weniger mechanisch sei. Nicht ausgeschlossen, dass auf so eine Frage erst mal eine Pause folge – schließlich müsse man über eine passende Antwort nachdenken oder in sich hineinspüren.
Gefühle als Wegweiser
Die Frage "Wie fühlst du dich?" steht auch auf dem Titel der neuen Ausgabe von SPIEGEL WISSEN. Das Heft beschäftigt sich vielfältig mit dem Thema Emotionen. Gefühle zeigen uns, was wir brauchen. Doch wie geht man gut mit ihnen um? SPIEGEL WISSEN hilft dabei, die eigene emotionale Kompetenz zu verbessern. Trauer, Angst, Freude oder Scham – wie uns Gefühle durchs Leben steuern, erklärt etwa Kollegin Maren Keller.
Kinderpsychotherapeutin Hilal Virit betont, dass Erwachsene die Gefühle von Kindern oft kleingeredet oder bewertet haben. Teils passiere es immer noch. Jungs sollten sich "nicht so anstellen", Mädchen ihren Zorn herunterschlucken. Sie warnt: "Dabei übersieht man, was an Gefühlen so hilfreich ist." Eltern können nicht alles in der Erziehung richtig machen. Aber Raum zu geben für Emotionen, viel über sie zu sprechen, Kindern einen großen Wortschatz für Gefühle zu schenken – das ist herausragend wichtig.
Das Pumuckl-Prinzip in Aktion
Für den Umgang mit Wut hat Virit einen Tipp: Einfach mal einen kleinen weichen Ball mit Karacho auf den Boden donnern und dabei ein "Ich darf wütend sein!" raushauen. Denn in hitzigen Situationen schrillt die emotionale Alarmanlage laut. Dann sind wir nicht in der Lage, sofort über all das zu sprechen, was uns bewegt – eine Problemlösung ist in dem Moment kaum möglich. Die Emotionen erst mal zu regulieren, ohne sie wegzuschieben, kann helfen. Anders gesagt: Lass einfach alles raus! Julia Stanek nennt diese Methode bei sich zu Hause das Pumuckl-Prinzip, nach dem berühmten Kobold mit dem roten Haar.
Seit die Familie den Film "Pumuckl und das große Missverständnis" im Kino sah, ist sie dem Kobold verfallen. In den "Neuen Geschichten vom Pumuckl" geht es nicht nur um Schabernack, sondern auch um Pumuckls Persönlichkeit und wie sie sich entwickelt. Von einem egoistisch wirkenden Wesen in ein mitfühlendes Geschöpf. In der Folge "Pumuckl und das Jo-Jo" erfährt der Kobold, wie Meister Eder als Kind in der Schule geärgert wurde. Als er kapiert, wie schmerzhaft die Schikane gewesen sein muss, rastet er aus. "Aber vor allem hab ich eine Wut, dass da keiner war, der dir geholfen hat. Das macht mich wütend! Richtig wütend macht mich das!"
Praktische Tipps für Familien
Die Ausstellung "Wie geht’s?" im Deutschen Hygiene-Museum lädt bis zum 4. April 2027 ein, sich mit mentaler Gesundheit auseinanderzusetzen. Ab Sommer gibt es die Mitmachausstellung "Große Gefühle", wo Kinder und alle anderen eine lustige, ärgerliche, eklige und schöne Reise erleben können. Aktivitäten umfassen einen schwarzen Stein farbig werden lassen, Zaubertricks einstudieren, in einen knallroten Wutumhang schlüpfen und das Gefühl wegschütteln.
Eine Leserin des Familiennewsletters teilt ihre Erfahrung: Als alleinerziehende Mutter hat sie ihre Gefühle vor ihren Kindern nie versteckt. Wenn sie vor ihrer Tochter und ihrer dreijährigen Enkelin weint, finden sie das total okay. Ihre Tochter sagt dann: "Du bist doch auch manchmal traurig und weinst dann." Sie ist stolz darauf, zwei gefühlvolle und empathische Menschen großgezogen zu haben.
Fazit: Das Pumuckl-Prinzip zeigt, dass es in der Erziehung nicht darum geht, perfekt zu sein, sondern Kindern einen sicheren Raum für ihre Emotionen zu bieten. Durch offene Gespräche und kreative Methoden können Eltern helfen, emotionale Kompetenz zu fördern und starke Familienbande zu knüpfen.



