„Bei uns hat der Mann das letzte Wort“: Das Tradwife-Phänomen zwischen Harmlosigkeit und politischer Aufladung
Tradwife-Phänomen: Harmlose Hausfrauen oder politische Radikalisierung?

Tradwife-Phänomen: Perfekte Hausfrauenidylle mit politischem Beigeschmack

Pastellfarbene, makellos saubere Küchen, selbst angesetzter Sauerteig in allen Regenbogenfarben, das Baby auf der Hüfte und ein sanftes Lächeln im Gesicht – das Bild der perfekten Hausfrau erlebt in sozialen Medien eine Renaissance. Unter dem Label „Tradwife“ (traditionelle Ehefrau) inszenieren Frauen ein idealisiertes Familienleben, das Harmonie und Ordnung verspricht. Doch hinter der idyllischen Fassade verbirgt sich mehr als nur Haushaltstipps und Kochrezepte.

Roman „Heimat“ analysiert weibliche Radikalisierung

Die Journalistin und Schriftstellerin Hannah Lühmann hat sich intensiv mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und den Roman „Heimat“ geschrieben, den sie am 23. April im Literaturhaus Rostock vorstellt. „Es sieht harmlos aus“, sagt Lühmann über die Tradwife-Inhalte, „aber es ist politisch aufgeladen – und es wirkt vor allem dort, wo weibliche Einsamkeit beginnt.“

Die zweifache Mutter berichtet von ihrer eigenen Erfahrung: „Mich haben diese Inhalte eiskalt erwischt, als ich gerade aus meiner zweiten Elternzeit zurück in den Beruf kehrte.“ Zwischen Kita-Eingewöhnung, Stillen und beruflichem Wiedereinstieg hätten die Videos der Tradwifes eine beinahe „sogartige Wirkung“ auf sie gehabt.

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Elternzeit als Einfallstor für Radikalisierung

Lühmann spricht von einer „weiblichen Radikalisierung“, die nicht mit lautem Aufmarsch, sondern mit leisen, systematischen Positionsverschiebungen einhergeht. Als Katalysator identifiziert sie die Elternzeit: „Wer mit dem Kleinkind zu Hause sitzt, und das sind in Deutschland nun mal in der Hauptsache die Frauen, verlässt die öffentliche Sphäre.“

In diesem Vakuum werde das Smartphone oft zum wichtigsten Fenster in die Welt – von Nachrichten über Kochrezepte bis hin zu Erziehungstipps. Die Isolation während der Elternzeit schaffe eine besondere Anfälligkeit für vereinfachte Weltbilder und scheinbar klare Lösungen.

Algorithmen als Brückenbauer

Die Gefahr liege nicht im traditionellen Rollenbild an sich, betont Lühmann, sondern in der politisch-ideologischen Aufladung. „Es geht einzig und allein um die politisch-ideologische Aufladung der Inhalte.“ Schule, Medienerziehung, Genderfragen – Tradwife-Inhalte bündelten Kulturkampffelder im Mantel des Alltags.

Die Algorithmen sozialer Medien verstärkten diesen Effekt: Wer nach Rezepten sucht, findet Ratgeber zur „natürlichen“ Erziehung, stößt auf Warnungen vor Kitas, liest weiter über Impfungen und landet schließlich bei Reichsbürgerthemen oder neuer germanischer Medizin. Nicht immer frontal, oft nur als Link in der Story oder als persönliche Empfehlung.

Verbindungen zur Neuen Rechten

Der Begriff Tradwife stammt ursprünglich aus den USA, wo er an evangelikale Netzwerke und die Alternative Rechte anknüpft. In Deutschland wirke vieles „importiert“, sagt Lühmann. „Die zugrundeliegende Idee ist zerstreut wiederzufinden in Netzwerken, die Schulkritik üben, bei Corona-Kritikern, Impfgegnern und Ernährungsratgebern.“

Die Szene sei hier ein Flickenteppich mittelgroßer Accounts mit Überschneidungen zur Mum-Blogging-Welt, die seit Jahren Haushalts- und Familienratgeber sowie Landlust-Themen bedienen. Bei genauerer Betrachtung zeigten sich schnell Verbindungen zur Neuen Rechten – auch in Deutschland.

Echte Probleme als Nährboden

Die Sogwirkung des Tradwife-Phänomens ergebe sich aus echten Problemen und gesellschaftlichen Lücken, analysiert Lühmann. Vor allem für Frauen in ländlichen Räumen: fehlende Kitas, mangelnde Infrastruktur, fehlende Gemeinschaft. „Als Frau wird man zerrieben von den gesellschaftlichen Erwartungen, den eigenen Karrierewünschen und den Rollen, die man als Mutter, Ehefrau, Vorgesetzte erfüllen soll.“

Nicht selten sagen Tradwifes in die Kamera: „Bei uns hat der Mann das letzte Wort.“ Der Mann werde in den Videos jedoch häufig zur Randfigur, zum abwesenden Geldverdiener stilisiert. Die Ideologie werte Sorge-Arbeit scheinbar auf, sakralisiere sie bisweilen – verbunden mit dem Anspruch der weiblichen Unterordnung.

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Ambivalenz im Titel „Heimat“

Im Roman „Heimat“ erlebt Protagonistin Jana genau diese Zerrissenheit: Sie zieht mit Mann und zwei kleinen Kindern in eine fast dystopisch wirkende Neubausiedlung im Berliner Speckgürtel, fühlt sich isoliert und überfordert. Dort trifft sie auf Karolin, fünffache Mutter, die ihr Leben als perfekte Hausfrau im Griff zu haben scheint und das Tradwife-Ideal verkörpert.

Den Titel „Heimat“ wählten Lühmann und ihre Lektorin bewusst. „Er ist mindestens ebenso ambivalent wie das Thema selbst“, erklärt die Autorin. Der Begriff „schillert“, sei „unheimlich“, ideologisch aufgeladen, und bezeichne gleichzeitig „was wir alle suchen und haben“.

Das Tradwife-Phänomen zeige, wie gesellschaftliche Wärme und Gemeinschaftsgefühle, die früher eher linken oder grünen Strömungen zugeschrieben wurden, heute von konservativen bis rechtspopulistischen Kreisen besetzt werden. In der Vereinfachung komplexer gesellschaftlicher Fragen liege sowohl die Verlockung als auch die Gefahr dieser Bewegung.