Wenn Eltern sich trennen: Wie Kinder in verschiedenen Altersstufen reagieren und was wirklich hilft
Trennung der Eltern: Wie Kinder reagieren und was hilft

Wenn Eltern sich trennen: Wie Kinder in verschiedenen Altersstufen reagieren und was wirklich hilft

In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden – oft sind dabei gemeinsame Kinder betroffen. Allein in Sachsen-Anhalt gab es im Jahr 2024 insgesamt 3.029 Ehescheidungen, wobei in knapp 1.700 Fällen minderjährige Kinder involviert waren, wie das Statistische Landesamt Sachsen-Anhalt mitteilt. Für Eltern bedeutet eine Trennung häufig einen Neuanfang, doch für Kinder gerät die vertraute Welt ins Wanken. Eine systemische Familientherapeutin aus Magdeburg erläutert, wie Kinder Trennungen erleben, welche Warnzeichen Eltern ernst nehmen sollten und welche Maßnahmen jetzt wirklich helfen können.

Die erste Phase der Trennung: Orientierung geben und emotional verfügbar sein

Wenn Eltern sich trennen, steht nicht nur die Welt der Erwachsenen Kopf, sondern auch die der Kinder. Janine Neubauer, systemische Familientherapeutin, Verfahrensbeiständin und Supervisorin aus Magdeburg, betont: „In der Regel sind die Kinder oft überrascht und haben Angst. Wie geht es weiter? Was passiert mit uns? Streiten sich die Eltern womöglich noch mehr? Das sind Fragen, die Kinder sehr oft beschäftigen.“ Typische Reaktionen von Kindern können Traurigkeit oder Wut sein, aber auch besonders anhängliches Verhalten und ein erhöhtes Bedürfnis nach Zuwendung.

Eine Trennung bedeutet für gemeinsame Kinder eine Menge Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, dass Eltern gerade in dieser sensiblen Phase nicht nur physisch, sondern auch emotional verfügbar sind. Dazu gehört auch, die Trennung alters- und kindgerecht zu erklären. Je besser Eltern kommunizieren, desto einfacher wird es für die Kinder, mit der Krise umzugehen. „Wenn Eltern gute Rahmenbedingungen schaffen, dann können Kinder ebenso eine besondere Anpassungsleistung schaffen. Dann zeigen sich Kinder sogar sehr flexibel und robust“, erklärt die Familientherapeutin.

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Altersspezifische Auswirkungen: Wie Kinder in verschiedenen Lebensphasen reagieren

Grundsätzlich gilt: Je jünger Kinder sind, insbesondere unter drei Jahren, desto weniger verstehen sie die Situation, zeigen jedoch oft keine bleibenden Spuren aufgrund des fehlenden Langzeitgedächtnisses. Wichtiger als das Alter ist ein respektvoller Umgang der Eltern miteinander. Das Portal Scheidung.de hat die wichtigsten Auswirkungen nach Altersgruppen geordnet:

  • Baby- und Kleinkindalter (0-3 Jahre): Die Trennung wird oft gut verkraftet, wenn ein Elternteil die Hauptbezugsperson bleibt. Es besteht jedoch das Risiko, dass das Urvertrauen leidet, da die Trennung nicht erklärt werden kann.
  • Kindergartenalter (3-6 Jahre): Kinder in diesem Alter entwickeln häufig Schuldgefühle und glauben, die Trennung verursacht zu haben. Sie brauchen Sicherheit und Beständigkeit.
  • Schulalter (6-12 Jahre): Kinder verstehen die Trennung besser, leiden aber oft stärker darunter, da sie Loyalitätskonflikte entwickeln können. Sie können sich jedoch schon in die Situation einfühlen.
  • Jugendliche (ab 12 Jahren): Teenager verstehen die Zusammenhänge rational, können aber eigene Zukunftsängste oder Bindungsängste entwickeln.

Warnzeichen erkennen: Wann Kinder unter der Trennung leiden

Kinder leiden besonders dann unter der Trennung, wenn es dauerhaft Spannungen, Stress und Diskussionen gibt. „Ich kenne Kinder, die von der Trennung der Eltern oder dem Streit wenig mitbekommen haben. Die Eltern haben ihre Konflikte eher unter den Teppich gekehrt und in Machtspielen ausgetragen“, sagt Neubauer. Allerdings bekämen diese Kinder durchaus mit, dass etwas in der Luft liege – nur könnten sie es kaum benennen und somit weniger verarbeiten. „Hier entwickeln sich dann häufig still und leise Symptome bei den Kindern.“

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Jedes Kind verarbeitet eine Trennung anders. „Der größte Indikator dafür, dass es meinem Kind nicht gut geht, ist, wenn sich etwas verändert. Eltern sollten also Ausschau nach einer Verhaltensänderung halten“, so Janine Neubauer. Eltern hätten in der Regel ein gutes Gespür dafür. Bei kleineren Kindern kann es vorkommen, dass sie noch einmal in ein Kleinkindverhalten zurückverfallen: Bettnässen, Alpträume, im Schlaf reden – hält das länger an, sollte man genauer hinschauen. Klassische Symptome seien psychosomatische Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen.

Hilfsangebote und Unterstützung: Was Kindern und Eltern jetzt hilft

Kinder brauchen in dieser Zeit vor allem Orientierung, Zuversicht und mitunter auch professionelle Gespräche. „Möglich wären zum Beispiel Entlastungsgespräche für das Kind, die Familienberatungsstellen anbieten“, sagt Neubauer. Zudem haben Eltern einen Anspruch auf eine kostenfreie Beratung zum Thema Umgang und Sorgerecht beim Jugendamt im Rahmen einer Trennung. Auch wenn Eltern oft Angst davor haben: „Die neutralen Gespräche mit dem Kind im Rahmen eines familiengerichtlichen Verfahrens können ebenso viel Aufklärung geben“, macht die Familientherapeutin deutlich.

Genauso entlastend wirke ein gemeinsames Gespräch an einem Tisch mit den Eltern. Auch ausgebildete Bezugspersonen im Kindergarten oder in der Schule können helfen. Zudem bietet der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV) Unterstützung. In Deutschland gibt es Kontaktstellen, die Betroffenen bei Trennung und Scheidung unter die Arme greifen. Ist der Leidensdruck des Kindes sehr hoch, so können auch Kinder- und Jugendlichentherapeuten in Sachsen-Anhalt eine Anlaufstelle sein. Die Wartezeit betrage derzeit jedoch ein Jahr, so Neubauer.

Bücher als Brücke: Gefühle verstehen und ausdrücken

Stütze sein in einer schwierigen Zeit, Mutmacher und Begleiter, das können auch Bücher rund um das Thema Trennung sein. Erziehungswissenschaftlerin und Expertin für die psychische Situation von Trennungskindern ist Ute Steffens. Die Autorin möchte mit ihren Büchern Eltern und Kinder in dieser schwierigen Lebensphase begleiten. „Jakob kann zaubern“ (Carlsen Verlag, 2023) heißt ihr Bilderbuch für drei- bis achtjährige Trennungskinder. Steffens vermittelt, dass Kinder niemals die Schuld an einer Trennung oder Scheidung haben.

Auch Autorin Ilona Einwohlt hat sich mit dem Thema Trennung beschäftigt. „Zicke zacke Trennungskacke – und wie du da durchkommst“ heißt ihr Buch für Trennungskinder im Alter von acht bis zwölf Jahren. „Es gibt ihnen Werkzeuge an die Hand, die sie empowern sowie Informationen liefern zu den Themen Kinderrechte und Kinderschutz“, so die Autorin. Das Buch verstehe sie als Hilfe zur Selbsthilfe, erklärt die Autorin zahlreicher Kinder- und Jugendbücher. Als Bildungsreferentin des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen ist Einwohlt Expertin. Gefühle rauszulassen – darum gehe es.

In Sachen Büchern gibt Familientherapeutin Janine Neubauer allerdings zu bedenken: „Eltern sollten nicht die Erwartung haben: Ich schenke dem Kind das Buch, und damit hat es jetzt etwas“, so die Expertin. Eltern sollten es selbst lesen, weil es eine Perspektive für die Kinderwelt öffnet und dafür, was die Kinder in dieser Lebensphase empfinden. Eltern, die passende Kinderbücher lesen, könnten so eine Kommunikationsbrücke bauen und einfach mal nachfragen: „Ist das bei dir auch so?“ Das wiederum öffne Türen für Themen, die Kinder in dieser Zeit besonders bewegen.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

„Solange der Alltag funktioniert, scheinen auch die Lösungen zu funktionieren“, sagt Neubauer. Eine Grenze sei jedoch erreicht, wenn Lehrer aus der Schule oder Erzieher aus dem Kindergarten das Gespräch suchen. Hier sei es ratsam, die Beobachtungen ernst zu nehmen und Hilfsangebote anzunehmen. „Stimmen Sie diese mit dem eigenen elterlichen Bauchgefühl ab!“, empfiehlt Janine Neubauer. Ein ehrlicher Blick sei wichtig: „Komme ich noch gut zurecht, habe ich ausreichend Lösungsstrategien oder wäre Hilfe von außen zeitweise eine gute Unterstützung?“