Feminismus im Wandel: Von Gleichberechtigung zu moralischem Druck
Der Feminismus stand lange für klare Ziele: gleiche Rechte, gleicher Lohn und gleiche Chancen für alle. Doch heute gleicht die Debatte oft einem Minenfeld, in dem Radikalität und Kompromisslosigkeit im Vordergrund stehen. Social Media belohnt Zuspitzungen, während differenzierte Positionen unsichtbar bleiben. Was einst für Gleichberechtigung stand, wirkt heute häufig wie moralischer Druck, bei dem schon die kleinste Kritik als Verrat gilt. Immer öfter geht es um Abgrenzung statt um ein Miteinander, und wer nicht vollständig mitzieht, wird schnell als frauenfeindlich oder misogyn abgestempelt.
Jasmin Karatas: Eine Stimme für mehr Toleranz
Jasmin Karatas (38), eine deutsch-türkische Migrantin, Unternehmerin und Speakerin, erlebt diesen Druck hautnah. Als Frau und Gaming-Nerd hat sie sich nie als Opfer ihres Geschlechts gesehen, obwohl sie früh erkannte, dass Frauen und Migranten oft anders behandelt werden. Ihre Antwort: Handeln statt Meckern. Sie unterstützt Frauen im Business, organisiert Female-Only-Events und dient als Vorbild für eine junge Generation von Nerd-Frauen. Trotz ihres Engagements bezeichnet sie sich nicht als Feministin, denn sie kritisiert, dass die Bewegung heute oft auf richtige Begriffe und Radikalität pocht. „Wer nicht die richtigen Begriffe benutzt oder nicht radikal genug ist, wird automatisch als ‚anti‘ abgestempelt. Dann geht es mehr um vermeintliche Zugehörigkeit als um Rechte, Sicherheit und Teilhabe“, sagt Karatas.
Die Gefahr der Selbstzerfleischung
Laut Karatas konzentriert sich der Feminismus heute zu sehr auf das, was Frauen trennt, anstatt auf das, was sie verbindet. „Ich finde es schade, dass gerade der Feminismus, der so viel erreicht hat, sich heute beginnt, selbst zu zerfleischen, und damit das, wofür er steht“, erklärt sie. Sie fordert mehr Diversität und eine offene Diskussionskultur, während Ausgrenzung faktisch stattfindet. Karatas betont, dass Feminismus für alle da sein sollte – für Karrierefrauen, Tradwives, Aktivistinnen, Mütter und Unternehmerinnen. „Wir müssen einander unterstützen: durch Mentoring, Empfehlungen und ehrliches Feedback. Feminismus sollte nicht nur für eine kleine, ideologisch einheitliche Gruppe da sein“, so ihre Forderung.
Respekt statt Opferhaltung
Besonders kritisch sieht Karatas die Opferhaltung, die sie auf vielen Female-Events erlebt. „Die ewige Opferhaltung habe ich satt. Gleichberechtigung bedeutet auch, Männer zu respektieren. Wenn wir Respekt einfordern, müssen wir ihn auch geben“, sagt sie. Statt zu jammern, sollten Frauen aktiv werden – etwa durch die Eröffnung von Frauenhäusern, Selbsthilfegruppen oder das Studium von Recht, um Frauen in Arbeitsstreits zu vertreten. Auch Frauenquoten stehen bei Karatas in der Kritik. Sie kennt Männer, die keine Mentoren erhalten, weil sie keine Frauen sind, und Frauen, die sich nicht wertgeschätzt fühlen, wenn sie aufgrund von Quoten statt ihres Könnens ausgewählt werden. „Das ist keine Gleichstellung. Es geht um Haltung und gegenseitigen Respekt, unabhängig von Geschlecht oder Identität“, betont sie.
Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit
Abschließend appelliert Karatas daran, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. „Es geht darum, Werte wie Respekt und Haltung gesellschaftlich und rechtlich zu verankern“, erklärt sie. Der Feminismus sollte nicht in moralischem Druck und Ausgrenzung enden, sondern in einer inklusiven Bewegung, die alle Lebensentwürfe würdigt. Ihre Botschaft ist klar: Mehr Toleranz, weniger Dogmatik – nur so kann der Feminismus seine ursprünglichen Ziele erreichen.



