Internationaler Frauentag: Frauen in Ostdeutschland zwischen Fortschritt und Herausforderungen
Frauen in Ostdeutschland: Vorne dabei, aber außen vor?

Internationaler Frauentag: Frauen in Ostdeutschland zwischen Fortschritt und Herausforderungen

Am 8. März wird weltweit der Internationale Frauentag begangen. In Deutschland zeigt sich, dass der Wohnort oft noch einen entscheidenden Unterschied im Leben von Frauen ausmacht. Ein detaillierter Blick auf die ostdeutschen Bundesländer offenbart, wie Frauen dort aktuell dastehen – mit bemerkenswerten Stärken, aber auch anhaltenden Problemen.

Weniger Lohn, aber geringere Ungleichheit

Die Soziologin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) betont, dass das Lohnniveau im Osten Deutschlands nach wie vor deutlich niedriger ist als im Westen. Ähnlich verhalte es sich bei den Renten. Allerdings sei der Unterschied zu Männern hier geringer. Im vergangenen Jahr lag die erweiterte Verdienstungleichheit, auch Gender Gap Arbeitsmarkt genannt, in Ostdeutschland bei 22 Prozent und damit deutlich unter dem Westen mit 39 Prozent, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen. Dieser Wert berücksichtigt neben dem Gender Pay Gap auch die Teilzeit- und Erwerbsquote.

Am geringsten war der Gender Gap Arbeitsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern mit 17 Prozent, gefolgt von Sachsen-Anhalt (20 Prozent), Sachsen (21 Prozent), Brandenburg (22 Prozent) sowie Berlin und Thüringen (jeweils 23 Prozent). In westlichen Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bayern lag die Lücke hingegen bei jeweils 41 Prozent.

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Mehr Kitaplätze und Vollzeitarbeit

Frauen in ostdeutschen Bundesländern arbeiten häufiger in Vollzeit. Laut dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung sind es etwa sechs von zehn Frauen, während im Westen nur rund die Hälfte in Vollzeit beschäftigt ist. Allmendinger erklärt, dass dies bereits in der DDR selbstverständlich war, da steuerliche Anreize wie das Ehegattensplitting fehlten. Diese Tradition habe sich auf nachfolgende Generationen übertragen.

Doch Theresia Crone, eine Aktivistin aus Schwerin, mahnt zu einem differenzierten Blick: „Wie geht es diesen Frauen? Sind sie gesund? Sind sie glücklich? Sind sie finanziell abgesichert?“ Vollzeitarbeit könne zu Überlastung führen, besonders wenn Frauen sich zugleich um Familie und Care-Arbeit kümmern. Zudem seien Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen zu berücksichtigen.

Höherer Anteil in Führungspositionen

Untersuchungen zeigen, dass in ostdeutschen Bundesländern mehr Frauen Unternehmen führen. Das WSI schätzt, dass der Frauenanteil auf der obersten Führungsebene in privatwirtschaftlichen Unternehmen bei rund einem Drittel (32 Prozent) liegt, während es im Westen nur 27 Prozent sind. Allmendinger führt dies unter anderem auf die höhere Akzeptanz von Kinderbetreuung zurück: „Wenn ostdeutsche Frauen Mütter werden, dann scheuen sie sich seltener, ihre Kinder in Kita zu geben.“ Die Betreuungsquote der unter 3-Jährigen liege im Osten oft über 60 Prozent, im Westen dagegen nur bei etwa 20 Prozent.

Abwanderung junger Frauen

Trotz dieser Fortschritte wandern viele junge und gut ausgebildete Frauen in den Westen ab, wie Allmendinger betont. In einigen ländlichen Gebieten Ostdeutschlands herrscht ein deutlicher Männerüberschuss, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) feststellt: Auf 100 Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren kommen weniger als 70 Frauen.

Theresia Crone, die heute in Berlin lebt, nennt mehrere Gründe für ihre Abwanderung, darunter politisches Engagement und Sicherheitsbedenken. Sie schätzt jedoch die Freiräume, die sie als Jugendliche in Ostdeutschland hatte, wo sie mehrere Vereine gründen konnte – etwas, das im Westen mit seinen etablierteren Strukturen oft schwieriger sei.

Crone: Osten nicht in Opferrolle drängen

„Ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, dass wir auch über ostdeutsche Biografien reden“, sagt Crone. „Gleichzeitig halte ich das vorherrschende Narrativ für kontraproduktiv.“ Wenn nur von schlecht behandelten „Ossis“ und „Besser-Wessis“ die Rede sei, werde der Osten schnell in eine Opferrolle gedrängt und als handlungsunfähig dargestellt. Crone setzt sich dafür ein, westdeutsche Lebensrealitäten besser zu verstehen, und bezeichnet sich in Gegenwart von Westdeutschen bewusst als „Ossi“, um Gespräche anzuregen.

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