Gisèle Pelicot trifft Überlebende: Ein bewegender Schulterschluss gegen Gewalt an Frauen
Gisèle Pelicot trifft Überlebende: Schulterschluss gegen Gewalt

Eine bewegende Begegnung in München: Gisèle Pelicot und Überlebende der BILD-Initiative

In einem emotionalen Moment in München fragte Iris Brand vorsichtig: „Darf ich Sie umarmen, Madame Pelicot?“ Die Antwort der Frau mit dem rotbraunen Pagenkopf kam prompt und herzlich: „Bien sûr – aber selbstverständlich!“ Gisèle Pelicot breitete ihre Arme aus, drückte, streichelte und stärkte die beiden Frauen, die ihr gegenüberstanden. Diese Szene, arrangiert von BILD, vereinte drei Frauen, deren Lebenswege von Gewalterfahrungen geprägt sind, in einem Akt der Solidarität und Heilung.

Die Initiative „Gegen Gewalt an Frauen“ und ein handgeschriebener Brief

Romy Stangl (50) und Iris Brand (41) waren Teil der im November gestarteten BILD-Initiative „Gegen Gewalt an Frauen“. Insgesamt 25 Betroffene schilderten in dieser Kampagne ihre Gewalterfahrungen und den harten Weg der Bewältigung. Damals ermutigte Gisèle Pelicot die Frauen in einem handgeschriebenen Brief mit den Worten: „Ihr seid stärker, als ihr glaubt.“ Jetzt, bei ihrem Treffen in München, wollten sich Romy und Iris persönlich dafür bedanken – nicht nur für diese Worte, sondern auch für Pelicots ikonischen Satz, dass die Scham die Seite wechseln muss: hin zum Täter, wo sie hingehört.

Die Begegnung war mehr als nur ein Dankeschön; sie symbolisierte einen Schulterschluss der einst Entwürdigten, die sich ihre Würde zurückgeholt haben. Gisèle Pelicot, 1953 in Villingen geboren und nun in ihr Geburtsland zurückgekehrt, um ihre Memoiren vorzustellen, strahlte dabei eine Mischung aus Liebe, Milde und unaufdringlicher Stärke aus. Ihre Präsenz ließ den Raum anders atmen – ehrfürchtiger, wie Beobachter berichteten.

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Persönliche Geschichten und gegenseitige Stärkung

Die Hintergründe der Frauen sind tiefgreifend: Romy Stangl erlebte bereits im Mutterleib Gewalt durch ihren Vater und später durch ihren Partner, bis die Kindergärtnerin ihres Sohnes ihre Verletzungen sah und sie ins Frauenhaus brachte. Iris Brand wurde über Jahre von ihrem Ex-Partner psychisch und physisch misshandelt, mit Drohungen wie: „Weißt du eigentlich, wie Zyankali schmeckt? Es hat keinen Geschmack.“ In fließendem Französisch, der Muttersprache von Madame Pelicot, sagte Iris zu ihr: „Was Ihnen angetan wurde, übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Aber Sie haben nicht zugelassen, dass die Gewalt bestimmt, wer Sie sind.“

Gisèle Pelicot selbst durchlitt Schreckliches: Ihr Ex-Mann betäubte und schändete sie und ließ sie von über 50 weiteren Männern missbrauchen. Doch ihr Lachen hat er ihr nicht nehmen können. Bei dem Treffen betonte sie die gegenseitige Stärkung: „Sie sind es, die mir die Kraft geben. Wir stärken uns gegenseitig. Ohne euch wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.“ Diese Worte unterstreichen, wie Solidarität unter Überlebenden nicht nur Heilung fördert, sondern auch gesellschaftliche Narrative verändert.

Die Wirkung über persönliche Geschichten hinaus

Iris Brand hob hervor, dass Pelicots Engagement über ihre eigene Geschichte hinausgeht: „Es verändert Narrative. Es verändert Frauen. Und es verändert unsere Gesellschaft.“ Romy Stangl ergänzte mit einem Wunsch: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie genauso viel Kraft und Wärme erfahren, wie Sie selbst so vielen von uns schenken.“ Die fließenden Tränen während des Treffens zeigten, wie tief Solidarität gehen kann, besonders für jene, die jahrelang klein gemacht und isoliert wurden.

Gisèle Pelicot, die oft als Ikone der Verwundeten bezeichnet wird, umarmte in dieser Begegnung symbolisch den Schmerz weg. Ihr Buch, betitelt mit „Eine Hymne an das Leben“ und im Piper-Verlag erschienen (256 Seiten, 25 Euro), schrieb sie zusammen mit der französischen Journalistin Judith Perrignon. Darin reflektiert sie: „Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin. Dass ich an die Liebe glaube, an sie glauben muss.… Heute weiß ich, dass meine Liebe einem tiefen Riss in mir entspringt und dass sie mich verwundbar macht. Aber ich bin bereit, dieses Risiko weiterhin einzugehen. Denn die Liebe ist zugleich meine mächtigste Rüstung.“

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Nach dem bewegenden Gespräch musste Madame Pelicot zu einer Signierstunde in der Buchhandlung Hugendubel weiterziehen, wo eine lange Schlange von Menschen geduldig auf sie wartete. Ihre Menschenfreundlichkeit und Stärke, trotz der erlittenen unmenschlichen Taten, hinterlässt bei allen Beteiligten ein Gefühl der Bewunderung. Dieses Treffen in München war nicht nur ein Moment der Dankbarkeit, sondern ein kraftvolles Zeichen dafür, dass Überlebende von Gewalt nicht als schwache Opfer, sondern als mutige Kämpferinnen gesehen werden müssen – und dass ihr Schulterschluss Hoffnung für Frauen weltweit bringt.