Studien zum Weltfrauentag: Vorurteile und KI bremsen Frauen in IT-Abteilungen aus
Trotz des akuten Fachkräftemangels in der deutschen Wirtschaft halten sich in vielen Unternehmen hartnäckig veraltete Stereotype, die Frauen den Weg in IT- und Digitalberufe erschweren. Wie zwei aktuelle Studien anlässlich des Weltfrauentags zeigen, werden Vorurteile durch den verstärkten Einsatz Künstlicher Intelligenz noch verschärft.
Bitkom-Studie offenbart alarmierende Zahlen
Eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 603 Unternehmen ergibt ein ernüchterndes Bild: In keiner einzigen deutschen IT- oder Digitalabteilung arbeiten derzeit mehr Frauen als Männer. In 89 Prozent der Unternehmen stellen Frauen in diesen Fachbereichen weniger als die Hälfte der Belegschaft. Lediglich 9 Prozent berichten von einem annähernd ausgeglichenen Geschlechterverhältnis.
Besonders bedenklich: 43 Prozent der Unternehmen geben offen an, Männer seien für IT- und Digitalberufe einfach besser geeignet. Fast die Hälfte (48 Prozent) glaubt, dass solche Berufe Frauen abschrecken. „Stereotype Rollenbilder sind noch in zu vielen Unternehmen verankert“, kritisierte Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst.
McKinsey-Studie bestätigt negativen Trend
Der Trend aus der Bitkom-Umfrage wird durch eine Studie des Beratungsunternehmens McKinsey bestätigt. Demnach ist in Europa der Frauenanteil in Tech-Rollen in den vergangenen drei Jahren von 22 Prozent auf 19 Prozent gesunken. Dabei absolvieren immer mehr Frauen ein MINT-Studium – sie stellen mittlerweile 33 Prozent der Bachelor- und 39 Prozent der Doktortitel. Dieses Talent kommt allerdings im Arbeitsmarkt nicht an.
KI verändert den Arbeitsmarkt zu Ungunsten von Frauen
Ein wesentlicher Grund für diesen Trend liegt in der zunehmenden Automatisierung durch Künstliche Intelligenz. Die Nachfrage nach Einstiegspositionen in den meisten Tech-Jobbereichen nimmt ab, während Wachstum vor allem in KI-, Daten- und Analytics-Rollen entsteht, die bislang überwiegend von Männern besetzt sind.
„KI verändert die Nachfrage nach Tech-Rollen strukturell. Einstiegspfade werden enger, während Positionen wichtiger werden, in denen es um Daten, strategische Entscheidungen und die Kontrolle von KI-Systemen geht“, erklärte Melanie Krawina, Co-Autorin der McKinsey-Studie und Associate Partnerin bei McKinsey in Wien.
Deutsche Wirtschaft sieht sich als Nachzügler
In der Bitkom-Umfrage bewertet die Wirtschaft die eigene Leistung bei der Frauenförderung kritisch. Zwei Drittel (67 Prozent) sehen Deutschland beim Thema Gleichstellung in IT-Berufen im internationalen Vergleich unter den Nachzüglern. Ganze 17 Prozent glauben gar, die deutsche Wirtschaft habe den Anschluss bereits komplett verpasst.
Problembewusstsein vorhanden, aber Umsetzung fehlt
Die Studie zeigt allerdings auch, dass in den Chefetagen durchaus ein Problembewusstsein vorhanden ist: 78 Prozent der Firmenvertreter stimmen zu, dass die Wirtschaft ohne Frauen ihre Zukunft verspielt. 65 Prozent sehen in ihnen den Schlüssel, um den IT-Fachkräftemangel zu lindern.
Die Vorteile gemischter Teams sind unumstritten:
- Neun von zehn Unternehmen loben das bessere Betriebsklima
- Acht von zehn bescheinigen gemischten Teams eine höhere Produktivität und Kreativität
Größte Hürden für Frauenkarrieren in der IT
Als größte Bremsklötze für Frauenkarrieren in der IT identifizieren die Unternehmen:
- Hürden beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit (50 Prozent)
- Mangelnde Sensibilisierung der Führungskräfte (48 Prozent)
- Eine „gläserne Decke“, die Frauen trotz gleicher Qualifikation benachteiligt (39 Prozent)
Ein weiteres Problem liegt im Betriebsklima selbst: In mehr als jedem dritten Unternehmen (35 Prozent) wird Frauenförderung von Teilen der männlichen Belegschaft als ungerecht empfunden. Generell halten 28 Prozent der Unternehmen Frauenförderung für nicht mehr notwendig.
Die Studien zeigen deutlich: Trotz des Fachkräftemangels und des wachsenden Problembewusstseins in den Chefetagen bleiben Vorurteile und strukturelle Hürden die größten Hindernisse für Frauen in IT-Berufen. Der verstärkte Einsatz von KI verschärft diese Situation zusätzlich, da traditionelle Einstiegspositionen wegfallen und neue Rollen überwiegend von Männern besetzt werden.



