Historischer Moment in Nantes: Nachfahre von Sklavenhändlern bittet um Vergebung
In der französischen Hafenstadt Nantes hat sich am Ufer der Loire ein bemerkenswerter Akt der Versöhnung ereignet. Der 86-jährige Pierre Guillon de Princé, Nachfahre einer wohlhabenden Reederfamilie, bat öffentlich um Vergebung für die Verstrickung seiner Vorfahren in den transatlantischen Sklavenhandel. Diese Geste gilt als die erste ihrer Art in Frankreich und fand neben einem 18 Meter hohen Schiffsmast statt, der als Denkmal für die Opfer des kolonialen Sklavensystems errichtet wurde.
Symbolträchtige Begegnung am Loire-Ufer
Neben Guillon de Princé stand Dieudonné Boutrin, ein 61-jähriger Aktivist und Nachfahre versklavter Menschen von der Karibikinsel Martinique. Die Regionalzeitung Ouest-France beschrieb den Mast als "eine Hommage an all jene Männer und Frauen, die vom kolonialen Sklavensystem zermalmt wurden". Die beiden Männer arbeiten seit Jahren gemeinsam daran, das Schweigen über die dunkle Vergangenheit von Nantes zu durchbrechen. Die Stadt war im 18. Jahrhundert der wichtigste französische Hafen für den Sklavenhandel.
Guillon de Princés Vorfahren werden der Verschiffung von etwa 4500 versklavten Afrikanerinnen und Afrikanern sowie dem Besitz von Plantagen in der Karibik zugeschrieben. Bei der emotionalen Veranstaltung erklärte der 86-Jährige: "Viele Familien von Nachfahren von Sklavenhändlern wagen es nicht, sich zu äußern, weil sie fürchten, alte Wunden und Zorn wieder aufzureißen." Sein mutiger Schritt verleiht der gemeinsamen Erinnerungsarbeit nun ein neues Gewicht.
Forderungen nach staatlicher Aufarbeitung
Laut dem britischen Guardian forderte Guillon de Princé, dass auch andere französische Familien sich ihren historischen Verbindungen zur Sklaverei stellen sollten. Gleichzeitig müsse der französische Staat über symbolische Gesten hinausgehen und sich ernsthaft mit den Folgen dieser Geschichte befassen – einschließlich der Frage möglicher Reparationen. Zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert wurden mindestens 12,5 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner gewaltsam über den Atlantik verschleppt, wobei Frankreich am Handel mit schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen beteiligt war.
Politische Sensibilität des Themas
Die öffentliche Entschuldigung berührt eine Debatte, die in Frankreich seit Jahren nur unvollständig geführt wird. Zwar erkannte der französische Staat den transatlantischen Sklavenhandel bereits 2001 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an, doch eine formelle Entschuldigung für die eigene Rolle steht bis heute aus. Präsident Emmanuel Macron hat zwar den Zugang zu Archiven über die koloniale Vergangenheit erweitert und eine Kommission zur Aufarbeitung der Beziehungen zu Haiti angekündigt, das Thema Reparationen erwähnte er dabei jedoch nicht.
Die anhaltende politische Sensibilität zeigte sich erst im März bei den Vereinten Nationen: Frankreich enthielt sich bei einer von Ghana eingebrachten Resolution, die die Sklaverei als "schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit" bezeichnete und Reparationen forderte. In ganz Europa werden ähnliche Debatten über historische Schuld und Wiedergutmachung geführt, wie etwa die Diskussion um die Rückgabe der Benin-Bronzen in Deutschland zeigt.
Die Geste in Nantes markiert einen wichtigen Schritt im schwierigen Prozess der Aufarbeitung kolonialer Verbrechen. Boutrin würdigte die Entschuldigung als "mutigen Akt", der möglicherweise weiteren Nachfahren von Sklavenhändlern den Weg ebnen könnte, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen.



