Berlinerin (fast 90) zeigt: Ältere Frauen sind coole Mädchen mit Lebensfreude
Berlinerin (fast 90): Ältere Frauen sind coole Mädchen

Berlinerin (fast 90) zeigt: Ältere Frauen sind coole Mädchen mit Lebensfreude

Annabelle Berger aus Berlin wird in drei Monaten 90 Jahre alt. Ihre Haare sind leuchtend rot gefärbt, die Lippen pink geschminkt, sie trägt elegante Rüschenkleider und zeigt selbstbewusst Dekolleté. Ihr Kleiderschrank kennt kein Grau – bunt mochte sie es schon immer, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Berlinerin zieht an, was ihr gefällt, und stellt provokant die Frage: „Warum soll man sich verstecken, wenn man älter wird?“

Spaß am Leben ohne Altersgrenzen

„Viele denken, ab 70 muss man verschwinden, als wären Farben plötzlich verboten“, sagt Annabelle mit fester Stimme. „Haare grau und kurz, Jacke beige, Hose schwarz. Das macht doch keinen Spaß.“ Spaß am Leben war der erfahrenen Friseurin immer wichtig. „Ich bin eine Optimistin“, betont sie. „Ich stehe morgens auf und freue mich auf den Tag.“ Diese positive Einstellung trägt sie seit mehr als sieben Jahrzehnten durch ihr bewegtes Leben.

Leben zwischen Ost und West: Eine Berliner Zeitzeugin

Als der Zweite Weltkrieg endet, ist Annabelle gerade sieben Jahre alt. Sie lebt mit ihren Eltern in Ost-Berlin in einer Zweizimmerwohnung, die den Krieg überstanden hat. Nach der Mittleren Reife beginnt sie eine Ausbildung zur Friseurin. In den 1950er Jahren nutzt sie die noch bestehende Bewegungsfreiheit zwischen den Sektoren und fährt regelmäßig mit der S-Bahn von Ost nach West.

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Vom Trinkgeld im Salon bezahlt sie sich eine Ausbildung an der Mannequinschule in Charlottenburg. Dort lernt sie, wie sich „Vorführdamen“ in Modehäusern bewegen und auftreten. „Ich habe gelernt, auf Stöckelschuhen zu laufen“, erinnert sich die Berlinerin. Seitdem trägt sie Absätze – „sogar beim Haareschneiden“. Inspiriert von der französischen Chanson-Sängerin Juliette Gréco schneidet sie sich einen Pony und entwickelt ihren unverwechselbaren Stil.

Neuanfang im Westen und beruflicher Erfolg

Mit 18 beginnt für Annabelle ein neues Leben im Westteil der Stadt. Sie findet einen Job in einem Friseursalon am S-Bahnhof Hohenzollerndamm und holt abends ihr Abitur nach. Ihr erstes möbliertes Zimmer kostet 70 Westmark. Annabelle trägt selbst genähte Kleider, fährt mit dem Fahrrad durch Berlin und begegnet so ihrem späteren Mann – einem Motorradpolizisten, den sie liebevoll „weiße Maus“ nennt.

Nach der Hochzeit mit Gerd und der Geburt der Tochter Yvonne 1960 eröffnet Annabelle 1963 ihren eigenen Friseursalon. „In einer Seitenstraße vom Ku’damm, erste Etage“, erzählt sie mit unüberhörbarem Stolz. Die Gardinen haben Rüschen, die Stühle Rosenmuster. Ihr Salon entwickelt sich schnell zu einer Adresse für Prominente – sogar Romy Schneider kommt einmal mit Kinderwagen vorbei.

Innovationen und modische Trends

Annabelle beschäftigt drei Angestellte und gehört zu den Pionierinnen der Haarteilfertigung für Herren. „Die haben wir fest ans eigene Haar gehäkelt“, erklärt sie. Sogar bekannte Fußballer seien dafür in den Salon gekommen. Bei den Damen ist ihr spezieller Dutt der absolute Hit, inspiriert von Farah Diba, der Kaiserin von Persien. „Die Haarkissen, die man brauchte, habe ich aus Echthaar selbst geknüpft“, verrät die handwerklich begabte Friseurin.

Einmal im Jahr reist sie nach Paris zu L’Oréal, wo neue Frisuren und Schnitttechniken vorgestellt werden. Sie erlebt den Wechsel von langen zu kurzen Haaren nach Twiggy-Vorbild in den 1960ern und feiert das Comeback des Volumens in den 1980ern. Den legendären Vokuhila-Schnitt bringt sie von einer ihrer Reisen mit. „Alles wurde locker, luftig, wir haben viel geföhnt und Dauerwellen gelegt“, schwärmt sie von dieser Ära.

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Kritik am heutigen Stil und persönliche Routine

„Die Menschen machen sich nicht mehr zurecht“, klagt die fast 90-jährige Berlinerin. „Selbst ins Theater gehen sie heute mit Jeans und Turnschuhen.“ Annabelle Berger findet das schade und vermisst die Eleganz früherer Zeiten. Auch die Frisuren seien langweiliger geworden. „Viele Ältere tragen nur noch praktische, graue Kurzhaarschnitte“, bedauert sie. Und auch die Jungen gingen kaum noch zum Friseur. „Dabei kann man so viel aus sich machen – mit Farbe und einer guten Frisur.“

Für Annabelle gehört Styling zum Alltag. Jeden Morgen nimmt sie sich eine Stunde Zeit, um sich zurechtzumachen. „Ohne Lippenstift würde ich nicht einmal den Müll runterbringen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Bis 85 spielte sie regelmäßig Tennis, heute trainiert sie dreimal pro Woche Ausdauer und Kraft.

Berufliche Leidenschaft ohne Ruhestand

Ihren eigenen Salon schließt Annabelle erst 2011 mit 75 Jahren. Doch ganz aufhören kommt für sie nicht infrage. Als ihre Tochter Yvonne einen eigenen Laden eröffnet und auch Enkelin Marlene als Friseurin dort arbeitet, hilft Annabelle noch mehrere Jahre mit. Selbst mit 80 Jahren steht sie noch am Stuhl und kümmert sich um langjährige Kundinnen. Guten Freundinnen verpasst die Berlinerin bis heute einen Schnitt.

„Ich habe meinen Beruf immer geliebt“, resümiert die lebensfrohe Seniorin. „Und das hört auch mit 90 Jahren nicht auf.“ Annabelle Berger beweist damit eindrucksvoll, dass Lebensfreude, Stilbewusstsein und berufliche Passion keine Altersgrenzen kennen – eine Inspiration für alle Generationen.