Endloses Scrollen bei Jugendlichen: Wie Social Media Psyche und Alltag beeinflusst
Endloses Scrollen: Wie Social Media Jugendliche beeinflusst

Endloses Scrollen bei Jugendlichen: Wie Social Media Psyche und Alltag beeinflusst

Schlafmangel, Selbstzweifel, Cybermobbing: Social Media kann besonders für junge Menschen zum ernsthaften Problem werden. Aktuell wird in den USA Meta und Google verklagt, in der EU gerät Tiktok unter Druck und in der deutschen Bundespolitik rücken Schulhöfe in den Fokus. Die CDU plant auf ihrem Parteitag diese Woche über bundesweit strengere Handy-Regeln an Schulen zu debattieren. Die Forschung beschäftigt sich intensiv mit der Frage: Welche konkreten Folgen hat es, wenn Kinder und Jugendliche große Teile ihres Tages mit dem Scrollen durch soziale Medien verbringen?

Smartphone-Nutzung: Zahlen und Fakten

Die sogenannte JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest ermittelte im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit der 12- bis 19-Jährigen von knapp vier Stunden täglich. Eine separate Untersuchung von DAK-Gesundheit und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus dem Frühjahr des Vorjahres kommt für Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren an einem normalen Wochentag auf eine durchschnittliche Nutzung sozialer Medien von etwa zweieinhalb Stunden.

Psychologische Auswirkungen und Risikogruppen

Die Psychologin Isabel Brandhorst von der Universität Tübingen erklärt, dass wissenschaftlich mittlerweile gut belegt sei, dass eine gesteigerte oder problematische Nutzung von sozialen Medien und Smartphones mit geringerem psychischem Wohlbefinden, mehr Schlafproblemen, Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen einhergeht. Allerdings stelle sich dabei stets die Henne-Ei-Frage: Verursachen soziale Medien die Probleme oder nutzen bereits belastete Jugendliche sie intensiver?

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg von der Universität Paderborn betont, dass der Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und psychischen Problemen zwar erforscht sei, die signifikanten Effekte jedoch eher klein ausfielen und vor allem einzelne, besonders verletzliche Gruppen beträfen. „Es betrifft nicht die Mehrheit, es ist auch nicht das Normale, sondern es betrifft einzelne vulnerable Gruppen und für die ist das natürlich dann ein Problem“, so Lindberg.

Besonders gefährdete Gruppen

Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, die bereits anderweitig belastet sind. Lindberg erklärt: „Wenn ich schon ängstlich bin oder eine depressive Störung habe, dann kann das Nutzen von Social Media diese Effekte verstärken.“ Eine der gefährdeten Gruppen seien Mädchen, da soziale Vergleiche eine große Rolle spielten. „Wenn ich unglücklich mit meinem Selbstbild bin, dann werde ich durch Social Media wahrscheinlich noch unglücklicher, weil ich mich eben vergleiche“, so der Experte.

Brandhorst sorgt sich ebenfalls besonders um Mädchen, die einen etwas höheren Hang zur Sucht zeigten, aber kaum in Beratungsstellen und Therapieangeboten auftauchten. „Dort haben wir eigentlich nur die männlichen Computerspieler, die quasi am Kragen von ihren Eltern in die Beratungsstellen gezerrt werden“, berichtet die Psychologin.

Eine weitere Risikogruppe sind laut Lindberg Mobbing-Opfer. „Cybermobbing über Social Media wirkt noch viel stärker, denn ich werde nicht nur auf dem Schulhof geärgert, sondern 24/7“, erklärt der Entwicklungspsychologe.

Wann wird die Nutzung problematisch?

Viele Eltern fragen sich: Wie viele Stunden sind zu viel? Doch diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. „Die Studien zeigen, dass die reine Nutzungsdauer nicht das Problem ist. Es geht ganz viel darum, was gemacht wird“, erläutert Lindberg. „Als Daumenregel: Je passiver die Nutzung ist, also nur scrollen, scrollen, scrollen, desto negativer ist das.“ Es könne sein, dass jemand acht Stunden täglich Social Media nutze, aber nicht darunter leide, weil es vielleicht beruflich bedingt sei. „Aber es kann auch sein, dass jemand drei Stunden Social Media nutzt, aber eigentlich die ganze Zeit denkt, eigentlich möchte ich in der Zeit lieber was anderes tun. Dann ist diese Drei-Stunden-Nutzung schon problematisch“, so der Experte.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Der Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf von 2025 zufolge nutzt etwa jeder vierte Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren soziale Medien auf eine als problematisch eingestufte Weise, knapp fünf Prozent gelten als abhängig. Dies war ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, lag aber immer noch deutlich über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie.

Selbstreflexion der Jugendlichen

In der JIM-Studie zeigten sich die befragten Jugendlichen durchaus selbstkritisch: Die Mehrheit (68 Prozent) stimmte voll oder weitgehend der Aussage zu, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen als ursprünglich geplant. Ähnlich viele genießen es, Zeit ohne Handy und Internet zu verbringen. Brandhorst betont, es gebe Jugendliche, die ihre eigene Nutzung reflektierten und bewusst beschränkten. Aber: „Es erfordert sehr viel Reflexionsfähigkeit und Selbstkontrolle, und das bringen ganz viele Jugendliche halt nicht mit“, so die Psychologin.

Positive Aspekte und Chancen

Brandhorst sieht jedoch auch positive Effekte: Jugendliche könnten Identitäten erproben, Gleichgesinnte finden und sich über möglicherweise schambesetzte Themen austauschen. Lindberg betont zudem: „Der allergrößte Teil der Jugendlichen zeigt kein problematisches Verhalten. In der Debatte kann der Eindruck entstehen, als beträfe das die Mehrheit – tatsächlich zeigt der Großteil kein klinisch relevantes Problemverhalten; betroffen ist eher eine Minderheit, in einer Größenordnung wie bei anderen problematischen Verhaltensweisen.“